Freitag, 16. August 2019

Jürgen Schwalm 
 (Foto Ulrike Schwalm, Oktober 2018)


Der Knauf-Kopf

Foto: Jürgen Schwalm, 2019



Der Knauf-Kopf

Kürzlich schlenderte ich durch Lauenburg an der Elbe und bewunderte die alten oft liebevoll restaurierten Fassaden der Häuser. Als ich das oben abgebildete Ensemble sah, den Kopf am Knauf des Geländers und den Klingelzug bei der Haustür, fiel mir als Folge einer alchemistischen Gedankenreaktion sofort „Der goldene Topf“ von E. T. A. Hoffmann ein, das wohl schönste Kunstmärchen der deutschen Romantik.
Der Studiosus Anselmus will das Haus des königlichen Archivarius Lindhorst betreten, aber der Archivarius ist eigentlich ein großer Geisterfürst aus dem wunderbaren Geschlecht der Salamander und besitzt ein Rittergut in Atlantis, dem Reich der Phantasie und der Poesie. In den Kampf des Geisterfürsten für die Schönheit und gegen die schnöde Bosheit der Realität wird Anselmus auf merkwürdige Weise einbezogen.
Wie Anselmus eben die Hand erhebt, um den Türklopfer zu bedienen, verwandelt sich dieser in die höhnisch grinsende Fratze einer teuflischen Frau, die im Verlauf der magischen Handlung immer wieder ihre Daseinsform wechselt. Als Tochter eines Flederwisches und einer Runkelrübe ist sie das feindliche Prinzip, das als Apfelverkäuferin, Kartenlegerin oder als Kinderfrau agiert, aber auch als Kaffeekanne die Gespräche junger Mädchen belauscht oder sich in einen Türklopfer verwandelt.
Zwar hat E. T. A. Hoffmann die Handlung in Dresden angesiedelt, aber bei derart krausen Verwicklungen sei es dem Kopf doch gestattet, sich auch auf einem Geländerknauf in Lauenburg zu präsentieren, zumal beide Orte an der Elbe liegen.
Ach, liebe Freundinnen und Freunde, lesen Sie den Goldenen Topf, und wenn Sie früher schon daraus genascht haben, lesen Sie ihn noch einmal bis zum Happy End, das man hübscher nicht erfinden kann: „Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbart?“ 

       Jürgen Schwalm

 

 

 

Freitag, 9. August 2019

Ein Gedicht aus alter Zeit

Lübeck, Schulgarten. Am Ende des Lindenganges steht die Plastik “Dorothea ( = Das Wasser schöpfende Mädchen)”, die Ernst Müller-Braunschweig (1860-1928) zwischen den Jahren 1910 und 1920 schuf. – 
Foto: Jürgen Schwalm, 2019



Jürgen Schwalm


Ein Gedicht aus alter Zeit
(geschrieben 1954 für Christel)


Zueignung

Als du mir den Weihekuss gegeben
mit dem Saft der Zauberreben,
zogen wir in Paradiese ein.
Alle Gärten, die wir dort betraten,
blühten auf, als wir sie baten,
nur noch für uns da zu sein.
Unser Rausch hat uns beraten,
singen ferner stets zu zweit.
Bäume, die dem Schatten sich verschließen,
werden da ihr Blätterlicht vergießen
sommergrün zu einer Ewigkeit.






 


Samstag, 3. August 2019

Experimente aus meinem Sprachlabor

Jürgen Schwalm: “Nächtlicher Zauber” oder “Die gläserne Frucht”, Fotobild, 2017


Jürgen Schwalm

Experiment aus meinem Sprachlabor

Im Stil des „West-östlichen Divan“
(für Christel 1961)

Suleika
Träumte nachts, zwei Flüsse wollten
im Osten ineinanderfließen,
doch die Wüstensonne brannte,
hindert’  sie, sich zu ergießen.
Ich erwach’ und ring’ die Hände.
Ich fürchte meines Glückes Ende.

Hatem
Kommt der Regen, netzt die Erde,
 lässt die Flüsse wieder schwellen,
gute folgen bösen Tagen,
wird sich Strom zu Strom gesellen.
Wein’ nicht, schmücke dich und mache
deinen Wunsch zur Herzens-Sache:
Himmels-Regen-Segen dir erlache!

*

Suleika
Ich frag’ mich oft, wo bleiben deine Lieder?
 Einst küssten sie mich zart und leicht
wie Blütenduft durch die Oase streicht.
Sag’, ist die Zeit dahin? O, sing’ mir wieder!

Hatem
Was kann mein Wortgeklingel dir denn bringen?
Spricht sich so schön von Zauberei der Nacht und Tagesglanz.
War viel darin, so warst du’s doch nie ganz.
Die Liebe ist zu groß; ich kann sie nicht besingen.



Freitag, 26. Juli 2019

"Ich habe dich zum Fressen gern..."

Jürgen Schwalm mit Fuchs-Maske aus Nepal. Maskensammlung: Reinhard Greve. 
Foto: Gisela Heese, 2019

Meist gibt’s ein Happy End nur für einen

„Ich habe dich zum Fressen gern. Wollen wir heiraten?“, sprach der Fuchs zur Gans.
Sie senkte geschmeichelt den Kopf und hauchte verschämt: „Ja!“

(aus: Jürgen Schwalm: Der Lebens-Baum, Betrachtungen, Lübeck 2005)



Freitag, 19. Juli 2019

ALMANACH DEUTSCHSPRACHIGER SCHRIFTSTELLER-ÄRZTE, 41. Jahrgang 2019











Jürgen Schwalm, Kiel, 1954. Die Porträtstudien, darunter “Konflikt und Lösung”, nahm die Theaterfotografin Otti Zacharias in ihrem Atelier auf.

In der Verlagsgesellschaft W.E. Weinmann/Filderstadt erschien – herausgegeben von Dietrich Weller - der 41. Jahrgang (Ausgabe für das Jahr 2019) des ALMANACHs DEUTSCHSPRACHIGER SCHRIFTSTELLER-ÄRZTE (ISBN 978-3-921262-73-3). Darin sind u.a. abgedruckt

1. der Reprint des Nachrufes, den Jürgen Schwalm 1984 für seinen Freund Armin Jüngling, den Begründer des Almanachs, verfasste (S.153-157), und
2. die „Erinnerungen an die Studienzeit in Düsseldorf 1953/54“ von Jürgen Schwalm
(S. 379-386). Geschildert wird u.a. die Begegnung von Schwalm mit Gustaf Gründgens.






Freitag, 12. Juli 2019

WAH-TA-WAH

Jürgen Schwalm: Kartografie (Land und Meer), bemalter und gefältelter Stoff unter Hinterglasmalerei, 2011

JÜRGEN SCHWALM

WAH-TA-WAH

James Fenimore Cooper
erzählt mir nachts in meinen Träumen
 immer häufiger
die alten Lederstrumpfgeschichten,
von Chingachgook und Wah-ta-Wah.
Wann wird mich der letzte Mohikaner
in seinem Kanu
über den Glimmer-See
dorthin fahren
wo der Horizont in den Himmel mündet?