Freitag, 15. Februar 2019

Jürgen Schwalm 
(Foto Ulrike Schwalm, Oktober 2018)

Nachruf für meine Frau

Jürgen Schwalm: “Lübeck – Marienkirche und Dom”, Hinterglasmalerei, 2019


Nachruf für meine Frau

Am ersten Vorfrühlingssonnentag habe ich heute vorm Tor der Hoffnung (mit der Inschrift:…Den Mitmenschen Freude zu machen ist doch das Beste) auf der weißen Parkbank gesessen, auf der auch du dich so gerne ausgeruht hast, bevor du mich verlassen musstest. Hinter mir schwatzten die Spatzen in der noch winterkahlen Hecke. Ein kleiner Hund entwischte einer Spaziergängerin und bemühte sich vergeblich, mir auf dem Schoß zu springen. Ich streichelte seinen Kopf. Mein Gesicht badete im Licht. Ich blinzelte über die beschnittenen Rosen der Rabatten und den flirrenden Strom der Wakenitz zu den Doppeltürmen der Marienkirche, die dabei waren, den Morgendunst abzustreifen.
Wie oft hast auch du dich auf unserer Sonnenbank an den Bildeindrücken erfreut, die im Laufe der Tages- und Jahreszeiten wechselten. Heute habe ich für dich den Ausblick genossen und wünschte mir, du hättest mit deinen Augen sehen können, was ich sah. Ich möchte dir immer schenken, was ich sehe. Ich möchte dir da, wo du nun bist, eine neue Bilderwelt einrichten; ich möchte dir mit den Farben, die ich genieße und die auch du so liebtest, wieder eine Heimat geben. Dafür zahle ich gerne den hohen Preis. Denn zukünftig wird jeder Glückseindruck, der mir zuteil wird, mit einer tiefen Traurigkeit verbunden sein, weil ich dabei an dich denke.

Lübeck, am 14. Februar 2019                                                              Jürgen Schwalm  



       

Sonntag, 10. Februar 2019

Malen..............

Jürgen Schwalm: “Das Fest”, Hinterglasmalerei, 2011




Malen bedeutet für mich: der Revolution aller Sinne
ausgesetzt zu sein.
                                                                                      
                                                                                       Jürgen Schwalm



Freitag, 1. Februar 2019

Grandville lässt grüßen

J.J. Grandville: Illustration aus “Un Autre Monde” (1844); 
siehe auch die Eintragung vom 26.1.2019


Jürgen Schwalm

Kuss-Zeh

Unterm Zirkuszelt in der Manege beglotzt das Publikum die schöne Kunstreiterin Miranda. Rundum geht es, immer im Galopp. Die Peitsche des Herrn Direktors trifft nicht immer nur das Pferd, sondern manchmal auch Miranda, die ihn dann höhnisch auslacht. Sie hat kräftige weiße Zähne, die zubeißen können. In ihrem nächtlich schwarzen Haar flattern die Bänder,  blitzt der Talmi-Schmuck. Ihre Füße wippen im Takt der Musik auf dem glänzenden Fell des Pferdes. Jetzt tanzt sogar ihr rechter Großzeh Spitze, das steigert den Applaus. Nach dem Auftritt wirft sie dem Herrn Direktor, der ihr in die Garderobe folgen will, die Türe vor der Nase zu. Drinnen warten schon die Verehrer, die ihr Rosen in den Ausschnitt stecken wollen, und sie erhält von den parfümierten und pomadisierten Bartträgern nicht nur schmatzende Handküsse. Denn beim Champagner, den der Herr Fabrikbesitzer schäumen lässt, zieht Miranda die Strümpfe aus und ihre akrobatische Großzehe wird zum Kuss-Zeh. Sie streckt ihn dem Herrn Fabrikbesitzer entgegen, der sich zuerst bedienen darf, zumal er am Schluss ja auch das Souper bezahlen muss.

(aus: Farbwechsel / Wortbilder, 1982)



 


Samstag, 26. Januar 2019

Große Überraschung

Handkolorierte Abbildung aus J.J. Grandville (1803-1847): “Un Autre Monde” (1844). Die deutsche Ausgabe des Buches erschien 1847 unter dem Titel “Eine Andere Welt” in Leipzig und befindet sich in meiner Bibliothek. Grandville gilt als “Großvater der Surrealisten”, die von seinen Bildideen hingerissen waren. Auch mich hat er zu einigen Gedichten angeregt, wie das Bespiel zeigt.



Jürgen Schwalm

Große Überraschung

Die herrliche Kometin
hat Ausgang auf der Milchstraße
und präsentiert die prachtvolle Schleppe

Herr Doktor Windhebel
der Schlüsselloch-Astronom
riskiert einen Teleskop-Blick

Da lupft das Wandelgestirn
ganz ungeniert
den intimsten Nebel
und zeigt ihm
das All im Nichts


Aus: Vernissage (Bilder einer Ausstellung)
 
 
 
 



Samstag, 19. Januar 2019

Hedwig Dragendorff: An den Mond


Jürgen Schwalm: “Der Mond über der Stadt”, Hinterglastechnik, 2018

Hedwig Dragendorff

An den Mond

Schweigender Wandler der Nacht, dir Mond mit silbernem Strahle,
Dir ertöne mein Lied, dich erheb’ mein Gesang.
Musen, euch flehe ich an: senkt der Begeisterung Klänge,
Senkt in die Brust sie mir ein, rasch sie gestaltend zum Wort.
Doch, was singe ich gleich? Sing’ ich den reizenden Schimmer,
Den du, verscheuchend die Nacht, über die Erde ergießt?
Wohl, ihm weih ich mein Lied; füllt er so oft doch mit Wonne,
oft auch mit süßem Weh mir das sehnende Herz,
Küßt mit dem Strahle die Thrän’, die sich im Auge gesammelt,
Kehrend in seeliges Glück oft das bitterste Leid. –
Viele begrüßen dich laut, dich Mehrer der glücklichen Stunden;
Lösen den schaukelnden Kahn, froh sich vertrauend der Fluth,
Welche, von Luna beglänzt, sie trägt auf schimmernden Wellen,
Tausendfach spiegelnd ihr Bild, über sie gleitend dahin.
Zeige auch heute dich uns, ohn’ neidische Wolkenumhüllung:
Froh wird dich singen mein Lied, schallend in’s nächtliche Feld. –


Diese Zeilen schrieb meine Ur-Urgroßtante Hedwig Dragendorff (1807-1896) am 19. Februar 1826 in Brüsewitz, wo sie von 1825-1835 als Erzieherin von Adolf Friedrich Graf von Schack (1815-1894) tätig war. Schack war Schriftsteller, Übersetzer und Förderer von Malern; er begründete die nach ihm benannte Schack-Galerie in München, wo er der Dichter-Vereinigung „Die Krokodile“ angehörte und u.a. mit Emanuel Geibel zusammentraf. Hedwig Dragendorff blieb ihm lebenslang freundschaftlich verbunden. Auch den Mond-Gesang hat sie für ihn geschrieben.
Dass eines Tages Flugkörper auf dem „Wandler der Nacht“ landen würden, konnte sie sich noch nicht vorstellen. Frau Luna durfte noch mit silbernem Strahle die Dichter der Romantik verzaubern und meine Tante Hedwig auch, die selbst darüber erstaunt war, dass ihr das Lied an den Mond gelang, wie sie in ihren Memoiren berichtet.
Vier Generationen nach Tante Hedwig bin ich zwar brennend an den Forschungsergeb-nissen interessiert, die über unseren Mond zusammengetragen werden, möchte mich aber gerne auch weiterhin an Vorstellungen, Märchen und Sagen erinnern dürfen, die meine Kindheit bereicherten. Damals war der Mond der gute Hirte, der über mich wachte. Ich malte ihn einst mit silberner Tusche auf schwarzem Karton. Auf meinem Bild „Der Mond über der Stadt“, mit dem ich an meine Tante Hedwig erinnern möchte, glänzt er aus Goldpapier.



Jürgen Schwalm






Samstag, 12. Januar 2019

Der französische Park im Barock

Jürgen Schwalm: “Die Memoiren der Rose”, Fotostudie, 2017


Jürgen Schwalm

Der französische Park im Barock

Französische Gartenanlagen boten das Wege-Parkett für geschliffene Dialoge; die verzwickten Labyrinthe waren für infame Intrigen und spitze Duelle geeignet; die geometrischen Muster der Beete für diplomatische Schachzüge, die gestutzten Boskette für das höfische Protokoll.
Rauschende Fontänen waren eifrige Plaudertaschen, jede Konversation wurde an die andere verraten. Dieser Landschaft, wo die Natur parfümiert wurde und die Künstlichkeit triumphierte, blieben keine menschlichen Laster erspart, obgleich (oder weil?) so viele Götterbilder aus den Kulissen schielten. Unter dem Goldflitter der Sonne und dem Silberlametta des Mondes, die den Etat, dem Himmel sei Dank, nicht belasteten, parodierte der Park die Welt des Monarchen, der unter seinen Laubkronen immer ernst blieb und noch nicht einmal zu bemerken vorgab, dass er auf diesem Heckentheater die Hauptrolle spielte. Denn wer über sich lacht, stellt sich selbst in Frage. Erst viele Jahresringe später sprengte die französische Flora ihre aristokratischen Fesseln in einer gewaltigen botanischen Revolution. Danach war sie wieder tugendhaft. Sie wuchs zu einem neuen Park zusammen – jetzt allerdings zu einem englischen.

(aus Therese Chromik und Bodo Heimann: Poetische Gärten, Husum 2008)