Freitag, 16. Oktober 2020

Jürgen Schwalm, 2019
Foto: Ulrike Schwalm


 

Anzeige in den Lübecker Nachrichten, Ausgabe vom 18./19.10.2020

Vom Regen niedergedrückte Herbstzeitlosen, Foto: Jürgen Schwalm, 2020 


 


 

Freitag, 9. Oktober 2020

Der Stoff, aus dem die Träume sind (3)

Jürgen Schwalm: “Der Stoff, aus dem die Träume sind”, Hinterglasmalerei über Baumwollstoff, 2005
 

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (3)

Was geschieht in unseren Träumen? Oft werden wir in unseren Nächten ans Kreuz geschlagen und reißen uns an den Nägeln wund.
Am Rand unserer Träume sind wir aber manchmal auch in der Lage, erstaunliche oder komische Definitionen zu finden und in den Wachzustand zu retten.
Traum im Jahr 2004 (kurz vor dem Erwachen): In einer Bretterbude ringt ein Schauspieler pathetisch die Hände und sagt in sächsischem Idiom: „Dialekt schafft Intellekt.“ Ich erwachte unter meinem eigenen lauten Gelächter. 

 

 

 

 

 

Samstag, 3. Oktober 2020

Der Stoff, aus dem die Träume sind (2)

Jürgen Schwalm: “Der Arm im Fenster”, Zeichnung, 2020

 

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (2)

Der Arm und die Hand


In der Nacht zum 25. November 2015 hatte ich folgenden Traum:
Ich saß an einem (meinem?) Schreibtisch und blickte auf ein (mein?) Fenster, das mit einem schweren, undurchsichtigen Vorhang von unbestimmbarer Farbe verdeckt war, der in starren Falten herabhing. Plötzlich tauchte durch die Fensterscheibe rechts von „draußen“ eine weibliche (?) Hand auf und schob sich langsam mit dem dazugehörenden Arm von rechts nach links in mein Blickfeld. Dann griffen die Finger der Hand in den Vorhang wie in weichen Teig und drückten ihn ein wenig auseinander. Der Spalt war schwarz und es schien Nacht zu sein. Die Finger ließen den Stoff los, der sich sofort wie ein Schließmuskel zusammenzog. Die Hand und der Arm verschwanden nach rechts und wieder nach draußen. Ich dachte, während ich erwachte, da will jemand prüfen, ob er (oder sie?) einbrechen kann, doch jetzt wird er (oder sie?) es nicht wagen, denn ich sitze ja am Schreibtisch. Aber nach dem Erwachen fragte ich mich: Wie konnte die Hand und der Arm durch die Fensterscheibe ins Zimmer dringen, ohne das Glas zu zerbrechen?
Plötzlich fiel mir ein, an wen mich das Traumbild erinnert hatte: an den belgischen Surrealisten René Magritte, mit dem ich mich kürzlich beschäftigt hatte. Als ich jedoch noch einmal die Bildbände von Magritte durchsah, konnte ich keine Abbildung entdecken, die meinem Traum entsprach. Bin ich also ein surrealer Traummaler?



 

 

Freitag, 25. September 2020

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1)

Jürgen Schwalm: “Träumen von Bäumen”, Fotostudie, 2020

 

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1)

Im September 1997 protokollierte ich sofort nach dem Erwachen folgenden Traum:Zwei dicht nebeneinanderstehende Bäume (sie heißen im Schlaf „A-horn“ – mit der Betonung auf „horn“) die sich in den Armen liegen, tauschen mit den Fingerspitzen ihrer Zweige unter einem Laubschirm (Laubschild) Nachrichten aus. Die Nachrichten sehen wie Nüsse aus. Die Blätter der Bäume schließen sich um die Nüsse, und wenn sie sich nach einer Weile wieder öffnen, sind die Nüsse verschwunden, weil sie verdaut wurden. Ich bin sehr zufrieden, weil ich weiß, dass die Nüsse die Erbmasse sind und dass die Bäume den „Austausch“ im Gegensatz zu den Menschen erstmals nach vierzig Jahren unter dem Schirm (Schild) betreiben, wenn sie genügend Erdbeeren, Erbsen und Eckern gesammelt haben, damit ihnen bessere Kinder gelingen. „Der Spinat fürs Leben schmeckt den Kindern dann auch besser“, sagt jemand. 

Ich erwachte mit dem Gefühl, tiefschürfende Erkenntnisse gewonnen zu haben. 

 

 

 

 

Samstag, 19. September 2020

Jürgen Schwalm: Das Symbol der ärztlichen Kunst: Der Äskulapstab. – Hinterglastechnik, 2019   


Jürgen Schwalm

Pathographien 

Die Pathographien, die Ärzte über Künstlerpersönlichkeiten verfertigen, zeigen nicht selten selbst pathologische Auswüchse. Die Verbindung von Kunst und Krankheit ist ein heikles Thema. Wie schnell ist man da beim Begriff der krankhaften und am Ende wieder der entarteten Kunst unseligen Angedenkens.

Manchmal sind pathographische Fehldeutungen aber nur lächerlich. Es ist bekannt, dass der Maler Dominikos Theotokópoulos, genannt El Greco (1547- 1614), die Personen seiner Bilder häufig mit überlangen Körpern und Gesichtern darstellte. Nachdem der Künstler bereits dreihundertfünfzig Jahre tot war, attestierten ihm Ärzte, er hätte an einer organischen Sehstörung, nämlich an einem Astigmatismus, zu deutsch: an einer Stabsichtigkeit gelitten, bei der infolge einer Hornhautverkrümmung Punkte als Striche wahrgenommen und Linien verzerrt gesehen werden. Hätte man damals El Greco schon eine entsprechende Korrekturbrille verpassen können, dann wären die Proportionen auf seinen Bildern „korrekter“ ausgefallen.

O sancta simplicitas! Ein Individual-Stil muss nicht die Folge eines Sehfehlers des Künstlers sein, und Ärzte sollten erst einmal selbst die richtige Brille aufsetzen, bevor sie Pathographien schreiben. 

(aus: Der Lebens-Baum)

 

 

 

 

 

 

Freitag, 11. September 2020

Jürgen Schwalm über Joachim Ringelnatz und Christian Morgenstern

Jürgen Schwalm: “Was hinter Worten steckt”, Fotostudie, 2020


Jürgen Schwalm 
über Joachim Ringelnatz und Christian Morgenstern

Der Irrgarten des Lebens steckt voller Überraschungen, die Morgenstern und Ringelnatz zu ihren lyrischen Eskapaden verführten. Der Unsinn, der überall hinter dem Gerümpel der Realität hockt und hervorgrinst, wird akribisch aufgedeckt und mit Purzelbäumen erfindungsreicher Sprachakrobatik bloßgestellt. Nach den Manipulationen von Ringelnatz und Morgenstern steht hinterher nichts mehr an ursprünglicher Stelle, alles ist verschoben und neu verschraubt worden. Beide Autoren agieren so plausibel und suggestiv, dass der Leser Gefahr läuft und es am Ende sogar zulässt, dass seine Sichtweise „ver-rückt“ wird. Vorsicht, meine Damen und Herren, Sie könnten zur Auffassung gelangen, dass die Verse, die Morgenstern und Ringelnatz zurechtknitteln, offenbaren sollen, dass es der Unsinn ist, der sich als der eigentliche Sinn der Realität erweist.