Samstag, 19. Mai 2018

Angewandte Archäologie

Jürgen Schwalm: “Nachrichten vom Thalamus”, Collage, 2017


Jürgen Schwalm: Archaische Träume, Inventionen, 1980

Angewandte Archäologie

Die Ausdrücke der Medizin sind nicht ohne Poesie; so erhält auch die blutigste Wissenschaft ihre Zierschleife. Hört ein Archäologe das Wort Thalamos, ersteht vor seinem inneren Auge ein antikes Schlafgemach, in dem sich auf erhöhtem Lager ein Hochzeitspaar unter Lustschreien vereinigt. Da möchte er sogleich zu einem Schliemann werden, mit dem Archäologenspaten den Schutt der Jahrhunderte abtragen und mit indiskreter Hand die Bettgardine anheben. Für mich als Mediziner steckt der Thalamos nicht nur im klassischen Altertum sondern auch in meinem Zwischenhirn, und in meinen archaischen Träumen grabe ich immer wieder gerne bei meinen Sehhügeln nach, um die Schleifenbahnen der Empfindungen freizulegen und darauf spazieren zu gehen.



Samstag, 12. Mai 2018

Gartenlust

In meinem Garten blüht wieder der Apfelbaum. Aufnahme v. Jürgen Schwalm am 9. Mai 2018

Jürgen Schwalm

Gartenlust
Alle Religionen beginnen mit und in einem Garten und enden mit der Sehnsucht ihrer Anhänger, in diesen ersten Garten heimkehren zu dürfen. Freilich: Die Pforten vor allen Paradiesen sind meist verschlossen oder zu eng. Aber wir Weltenwanderer sollten die Hoffnung nie aufgeben. Denn warum sollte das, was in einem Garten verloren ging, denn schließlich in einer Gartenlust nicht wieder eingelöst werden können?

(aus: Jürgen Schwalm: „Der Lebensbaum“, Betrachtungen)



Samstag, 5. Mai 2018

Archaische Träume, Inventionen, 1980

Jürgen Schwalm: “Archaischer Traum”, Hinterglasmalerei, 2004/2016


Jürgen Schwalm

Archaische Träume, Inventionen, 1980
Aus der Einleitung:

Archaische Träume sind vorzugsweise Traum- und Schaumspeisen aus den
Kellerräumen des Gehirns. Die Rindenschicht ist abgeschält. Archaische Träume
sind Stammhirnprodukte, ist Spargel, der aus archaischen Böden gestochen wird. Es
wird auch das kalt serviert, was heiß gekocht wurde, Happen und Bissen in
farbenfroher Garnierung. Besondere Empfehlung zum Nachtisch: Tollkirschen.




Sonntag, 29. April 2018

Fotogramme

Polaroid-Sofortbildkamera von 1972, Aufn. Jürgen Schwalm



Jürgen Schwalm

Fotogramme

Das ganze Leben hindurch sind wir bemüht, flüchtige Augenblicke im Strom der Zeit in Bildern auf- und festzuhalten. Dass wir dies bei freud- und leidvollen Ereignissen, etwa bei Familienfesten, ausgerechnet mit den Mitteln der Fotografie versuchen, zeigt nur die Vergeblichkeit unserer Bemühungen: Licht und Schatten wechseln, aber wo das Licht einfällt, schlägt immer auch der Schatten zu.



Brautweiß unter gläsernem Himmel der Kirschbaum
die Glocke in der Kühle
himmelblauer Salut
eine hundertfünfundzwanzigstel
Hochzeit

Lächeln getrimmt
Haare gewellt
Scheitel an Scheitel
Licht von links
Ring zu Ring
erste Aufnahme
überbelichtet

Zweite Aufnahme
die Wiese gegen den Strich gebürstet
falsche Blende
das Licht zu hart
das Lächeln verwackelt
Brautweiß unter gläsernem Himmel der Kirschbaum



(aus Therese Chromik und Bodo Heimann: „Zusammen leben“,
Husum-Verlag 2013)


Samstag, 21. April 2018

An Heinrich Heine

Jürgen Schwalm: “Wär ich König auf deinem Zaun”, Hinterglasmalerei, 2006/2007


Jürgen Schwalm

An Heinrich Heine


Wären nur erst die Sträucher
wieder grün gestrichen,
könntest du Blüten
mit Farbe begießen,
blaue Tinte
für die Hortensien nehmen
und noch mehr Biedermeiernamen
in raschelnden Blätterkleidern besingen,
stünde dein Garten wieder in Taft und Seide
zur Sommersonnenpremiere,
käme dir Olympia mit Koloraturen
auf- und ausgezogen,
dass es die alten Fetthennen
zwischen den Steinen entsetzt:
Wie gerne würdest du
den prosaischen Kopfsalat
der Köchin opfern!

(aus dem Band: „Schwingen“)



Samstag, 14. April 2018

Am Ende der Straße

Jürgen Schwalm: “Die blaue Nacht oder das letzte Haus”, Acryl auf Leinwand, 2018



Jürgen Schwalm

Am Ende der Straße

Am Ende der Straße
die letzte Bahn
das müde Licht
das späte Haus
und nach dem Zaun
der Gartenweg
die Amselhecke
die steile Treppe
das alte Zimmer
der schwere Schatten

Du gabst dein Wort
Verlass mich nicht

Und einmal noch
der Vogelruf
in dunkler Nacht


Verrat mich nicht



Donnerstag, 5. April 2018

Die Zeitungskröte

Jürgen Schwalm: “Der Froschkönig”, Collage, 2013


Jürgen Schwalm

Die Zeitungskröte

In ihrem Haus aus Rotationsdruck-Papier
hockt die Zeitungskröte,
quakt  Buchstaben aus dem Blähhals 
und spuckt sie mit Gift in die Schlagzeilen.
Nachts kopiert die Zeitungskröte
die bösartigsten Presseberichte
(oft wird darin sogar gemordet)
 und mailt sie Kriminellen in den Schlaf.
Folgen diese dann den Berichten
und behaupten hinterher,
sie hätten die Untaten nur geträumt und nicht ausgeführt,
beweist die Zeitnugskröte schwarz auf weiß das Gegenteil
anhand des unverwechselbaren Pressestils.