Samstag, 26. Mai 2018
Samstag, 19. Mai 2018
Angewandte Archäologie
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| Jürgen Schwalm: “Nachrichten vom Thalamus”, Collage, 2017 |
Jürgen Schwalm: Archaische Träume, Inventionen, 1980
Angewandte Archäologie
Die
Ausdrücke der Medizin sind nicht ohne Poesie; so erhält auch die blutigste
Wissenschaft ihre Zierschleife. Hört ein Archäologe das Wort Thalamos, ersteht
vor seinem inneren Auge ein antikes Schlafgemach, in dem sich auf erhöhtem
Lager ein Hochzeitspaar unter Lustschreien vereinigt. Da möchte er sogleich zu
einem Schliemann werden, mit dem Archäologenspaten den Schutt der Jahrhunderte
abtragen und mit indiskreter Hand die Bettgardine anheben. Für mich als
Mediziner steckt der Thalamos nicht nur im klassischen Altertum sondern auch in
meinem Zwischenhirn, und in meinen archaischen Träumen grabe ich immer wieder
gerne bei meinen Sehhügeln nach, um die Schleifenbahnen der Empfindungen
freizulegen und darauf spazieren zu gehen.
Samstag, 12. Mai 2018
Gartenlust
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In meinem
Garten blüht wieder der Apfelbaum. Aufnahme v. Jürgen Schwalm am 9.
Mai 2018
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Jürgen Schwalm
Gartenlust
Alle Religionen beginnen mit und in einem Garten und enden
mit der Sehnsucht ihrer Anhänger, in diesen ersten Garten heimkehren zu dürfen.
Freilich: Die Pforten vor allen Paradiesen sind meist verschlossen oder zu eng.
Aber wir Weltenwanderer sollten die Hoffnung nie aufgeben. Denn warum sollte
das, was in einem Garten verloren ging, denn schließlich in einer Gartenlust
nicht wieder eingelöst werden können?
(aus: Jürgen Schwalm: „Der Lebensbaum“,
Betrachtungen)
Samstag, 5. Mai 2018
Archaische Träume, Inventionen, 1980
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| Jürgen Schwalm: “Archaischer Traum”, Hinterglasmalerei, 2004/2016 |
Jürgen Schwalm
Archaische Träume, Inventionen, 1980
Aus der Einleitung:
Aus der Einleitung:
Archaische Träume sind vorzugsweise Traum- und Schaumspeisen aus den
Kellerräumen des Gehirns. Die Rindenschicht ist abgeschält. Archaische Träume
sind Stammhirnprodukte, ist Spargel, der aus archaischen Böden gestochen wird. Es
wird auch das kalt serviert, was heiß gekocht wurde, Happen und Bissen in
farbenfroher Garnierung. Besondere Empfehlung zum Nachtisch: Tollkirschen.
Sonntag, 29. April 2018
Fotogramme
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| Polaroid-Sofortbildkamera von 1972, Aufn. Jürgen Schwalm |
Jürgen Schwalm
Fotogramme
Das ganze Leben hindurch sind wir bemüht, flüchtige Augenblicke im Strom der Zeit in Bildern auf- und festzuhalten. Dass wir dies bei freud- und leidvollen Ereignissen, etwa bei Familienfesten, ausgerechnet mit den Mitteln der Fotografie versuchen, zeigt nur die Vergeblichkeit unserer Bemühungen: Licht und Schatten wechseln, aber wo das Licht einfällt, schlägt immer auch der Schatten zu.
Brautweiß unter gläsernem Himmel der Kirschbaum
die Glocke in der Kühle
himmelblauer Salut
eine hundertfünfundzwanzigstel
Hochzeit
Lächeln getrimmt
Haare gewellt
Scheitel an Scheitel
Licht von links
Ring zu Ring
erste Aufnahme
überbelichtet
die Glocke in der Kühle
himmelblauer Salut
eine hundertfünfundzwanzigstel
Hochzeit
Lächeln getrimmt
Haare gewellt
Scheitel an Scheitel
Licht von links
Ring zu Ring
erste Aufnahme
überbelichtet
Zweite Aufnahme
die Wiese gegen den Strich gebürstet
falsche Blende
das Licht zu hart
das Lächeln verwackelt
Brautweiß unter gläsernem Himmel der Kirschbaum
(aus Therese Chromik und Bodo Heimann: „Zusammen leben“,
Husum-Verlag 2013)
Husum-Verlag 2013)
Samstag, 21. April 2018
An Heinrich Heine
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Jürgen
Schwalm: “Wär ich König auf deinem Zaun”, Hinterglasmalerei, 2006/2007
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Jürgen Schwalm
An Heinrich Heine
Wären nur erst die Sträucher
wieder grün gestrichen,
könntest du Blüten
mit Farbe begießen,
blaue Tinte
für die Hortensien nehmen
und noch mehr Biedermeiernamen
in raschelnden Blätterkleidern besingen,
stünde dein Garten wieder in Taft und Seide
zur Sommersonnenpremiere,
käme dir Olympia mit Koloraturen
auf- und ausgezogen,
dass es die alten Fetthennen
zwischen den Steinen entsetzt:
Wie gerne würdest du
den prosaischen Kopfsalat
der Köchin opfern!
(aus dem Band: „Schwingen“)
An Heinrich Heine
Wären nur erst die Sträucher
wieder grün gestrichen,
könntest du Blüten
mit Farbe begießen,
blaue Tinte
für die Hortensien nehmen
und noch mehr Biedermeiernamen
in raschelnden Blätterkleidern besingen,
stünde dein Garten wieder in Taft und Seide
zur Sommersonnenpremiere,
käme dir Olympia mit Koloraturen
auf- und ausgezogen,
dass es die alten Fetthennen
zwischen den Steinen entsetzt:
Wie gerne würdest du
den prosaischen Kopfsalat
der Köchin opfern!
(aus dem Band: „Schwingen“)
Samstag, 14. April 2018
Am Ende der Straße
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| Jürgen Schwalm: “Die blaue Nacht oder das letzte Haus”, Acryl auf Leinwand, 2018 |
Jürgen Schwalm
Am Ende der Straße
Am Ende der Straße
die letzte Bahn
das müde Licht
das späte Haus
und nach dem Zaun
der Gartenweg
die Amselhecke
die steile Treppe
das alte Zimmer
der schwere Schatten
Du gabst dein Wort
Verlass mich nicht
Und einmal noch
der Vogelruf
in dunkler Nacht
Verrat mich nicht
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