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| Jürgen Schwalm: Das Symbol der ärztlichen Kunst: Der
Äskulapstab. – Hinterglastechnik, 2019 | | | |
Jürgen Schwalm
Pathographien
Die
Pathographien, die Ärzte über Künstlerpersönlichkeiten verfertigen, zeigen
nicht selten selbst pathologische Auswüchse. Die Verbindung von Kunst und
Krankheit ist ein heikles Thema. Wie schnell ist man da beim Begriff der
krankhaften und am Ende wieder der entarteten Kunst unseligen Angedenkens.
Manchmal
sind pathographische Fehldeutungen aber nur lächerlich. Es ist bekannt, dass
der Maler Dominikos Theotokópoulos, genannt El Greco (1547- 1614), die Personen
seiner Bilder häufig mit überlangen Körpern und Gesichtern darstellte. Nachdem
der Künstler bereits dreihundertfünfzig Jahre tot war, attestierten ihm Ärzte,
er hätte an einer organischen Sehstörung, nämlich an einem Astigmatismus, zu
deutsch: an einer Stabsichtigkeit gelitten, bei der infolge einer
Hornhautverkrümmung Punkte als Striche wahrgenommen und Linien verzerrt gesehen
werden. Hätte man damals El Greco schon eine entsprechende Korrekturbrille
verpassen können, dann wären die Proportionen auf seinen Bildern „korrekter“
ausgefallen.
O sancta simplicitas! Ein
Individual-Stil muss nicht die Folge eines Sehfehlers des Künstlers sein, und
Ärzte sollten erst einmal selbst die richtige Brille aufsetzen, bevor sie
Pathographien schreiben.
(aus: Der
Lebens-Baum)