Sonntag, 29. Januar 2023

(Foto: Gisela Heese)

 

Montag, 23. Januar 2023

Finis Ucrainae?


Jürgen Schwalm: "Das Blut der Schlachtopfer", Acrylfarben, 2015. - Das Bild entstand unter dem Einfluss des Kriegsgeschehens in Syrien.

 

 

Jürgen Schwalm

 

Finis Ucrainae?

 

Tief hängt dort über den Städten,

die geschändet sind von der Willkür des Größenwahns,

 das Kreuz des Leidens,

das von Detonationen zersplittert

und vom Blut der Opfer durchtränkt ist.

Wie lange wird die Kraft der Empörung noch halten,

um zu verhindern,

dass das Kreuz abstürzt

und zum Grabdeckel wird,

unter dem das Land für immer erstickt?

 

 

 

 

 

 

 

 


Ein Beitrag zur Geschichte Lübecks


 

Ein Beitrag zur Geschichte Lübecks

Für historisch Interessierte können selbst „Wegwerf-Artikel“, die in Rumpelkammern und anderen verlassenen Orten die Zeiten überdauern konnten, nach ihrer Wiederentdeckung eine Fundgrube bereichernder Fakten und Daten sein. So fiel mir vor Jahrzehnten ein Exemplar der Lübeckischen Anzeigen No. 9 vom Sonnabend, den 11. Januar 1851 in die Hände, und ich las mich darin fest.

Da kündigt z.B. die Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Thätigkeit ein Konzert für Sonnabend den 11. Januar 1851 an, nämlich die 2te Abendunterhaltung für Kammermusik. Neben Stücken von Schumann und Weber standen vor allem Morceaux de Salon (Salonstücke) für Clavier allein auf dem Programm mit Kompositionen von Charles Mayer (1799-1862, Lehrer von M.I. Glinka), nämlich Le Tremolo und L’Elegant, und das Impromptu von Alexander Dreyschock (1818-1869): La Campanella.

Das Theater in der Beckergrube unter der Leitung von Friedrich Engel (Sohn des Theaterdirektors Georg Friedrich Engel, 1777-1859) kündigte für Sonntag, den 12. Januar an Das Vogelschießen, Lustspiel in 5 Akten, von Clauren (1771-1854; Skandalroman „Mimili“) an und für Montag, den 13. Januar: Anna von Oestreich, Intriguenstück in 4 Abtheilungen und 6 Akten, nach dem Roman des Alex. Dumas, frei für die Bühne bearbeitet von Charlotte Birch-Pfeiffer (1800-1868).

Lübecks Thore werden vom 9. Bis zum 23. Januar Morgens um 7 Uhr geöffnet und Abends um 5 Uhr gesperrt.

Krons – oder Tütebeeren mit Zucker eingekocht annonciert G.C. Hahn & Co (Georg Carl Hahn, 1822-1895, Konservenfabrikant, neben Daniel Heinrich Carstens erster Lebensmittelkonserven-Fabrikant in Lübeck) und Johann Siegmund Mann  (1827-1884; Großvater von Heinrich und Thomas Mann) Finnische Butter, in kleinen und grösseren Gebinden, außerdem empfiehlt Johann Siegmund Mann: Von Holland importirte Saatkartoffeln.

Als Haupt=Agent der Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft signiert  Heinrich Schunck. Heinrich Schunck (1816-1896) spielte im kulturellen Leben Lübecks des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle. Er war literarischer Berater von Heinrich und Thomas Mann und von Ludwig Ewers (1870-1946, der den in Lübeck spielenden Familien-Roman: „Die Großvaterstadt“ als Komplementärstück zu „Buddenbrooks“ schrieb.

Jürgen Schwalm

 

 

 

Dienstag, 17. Januar 2023

"Der Riesenkaktus"

 

 

Jürgen Schwalm: „Der Riesenkaktus“,

Collage (2015) in Memoriam Carl Spitzweg (1808-1885),

der witzig-ironische Pointenbilder

der Spätromantik und des Biedermeier malte.   

 

Betrachtungen zur Biedermeierzeit:

 

Was mit dem sanften Ausdruck Biedermeierzeit maskiert wurde,

war eigentlich die Zeit verheimlichter Rebellionen.

(Zitat aus Jürgen Schwalm: Hedwig und Franziska Dragendorff,

Lebensbilder aus dem 19. Jahrhundert)

 

Biedermeier - Sofa

Verstimmte Etüden

werden mit Biskuitkrümeln und Mottenpulver

 in die Ritzen verklimpert.

 Fischbeinstäbe knacken

Borstenquasten zittern

und das Rosshaar quillt

 wenn das Alter verfettet.

Nach dem Daumen-Drehen

 folgt der Mittagsschlaf

 in klammen Kissen

 und die Tugend

 hat an trostlosen Träumen

viel zu schnarchen.

Jürgen Schwalm

 

 

 

Samstag, 7. Januar 2023

Historismus - Uromas Schrank


 Ein Gruß aus alten Zeiten zum Neuen Jahr
Historistische Uhren (um 1890) aus
Brockhaus‘ Konversationslexikon 1895
Beachten Sie die Wetterfahne auf dem Dach einer Uhr!

 

Historismus
Uromas Schrank


Deutsches Holz ist aus kräftigem Mark.
Die Verzierungen sind gedrechselt
und für die Ewigkeit verschraubt.
Die Fächer lasten eichenstämmig
Die Löwenfüße stampfen kaisertreu
und erdverbunden lutherisch.
Obendrauf hockt Almas Engelskopf als Mitgift.

Jürgen Schwalm

 

 

 

 

Freitag, 30. Dezember 2022

Orpheus und Eurydike


 Orpheus und Eurydike


Als ich in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Freiburg /Breisgau studierte, sah
ich Jean Cocteaus Film „Orphée“, in dem die antike Geschichte vom Sänger Orpheus in die
Zeit nach dem 2. Weltkrieg verlegt wurde. In der Folgezeit habe ich mich, besonders nach
mehreren Aufenthalten in Griechenland, immer wieder mit der Orpheus-Thematik beschäftigt
und in den achtziger Jahren eine eigene Version der Geschichte verfasst, die meine
Freundin und Muse Eva Schwieger von Alten außerordentlich berührte. Da die Kenntnis
der Orpheus-Sage heute nicht mehr vorausgesetzt werden kann, sei sie hier kurz in ihrer
klassischen Gestaltung nacherzählt:


Orpheus, der berühmteste unter den mythischen Sängern Griechenlands, der
Hauptrepräsentant der Kunst des Gesanges und des Saitenspiels, war nach der Sage ein
Sohn der Muse Kalliope und des Apollon. Durch die Macht seines Gesanges und des
Saitenspiels konnte er die wildesten Tiere bezähmen und selbst die Steine bewegen. Als ihm
seine durch den Biss einer Schlange tödlich verwundete Gattin Eurydike entrissen worden
war, stieg er selbst in die Unterwelt hinab und vermochte Hades, den finsteren Beherrscher
der Unterwelt, durch seine Musik zu erweichen. Hades gestattete Orpheus, die Geliebte
wieder auf die Oberwelt zurückzuführen. Da aber Orpheus gegen das ausdrückliche Verbot
des Hades sich nach Eurydike umschaute, bevor sie ans Tageslicht emporgestiegen waren,
musste sie für immer zu den Toten zurückkehren. - Auch an der Fahrt der Argonauten soll
Orpheus teilgenommen haben und später, da er sich dem wilden orgiastischen Kult des
Dionysos widersetzte, von wütenden Bacchantinnen zerrissen worden sein.


Eva Schwieger von Alten zeigte meine Version der Orpheus-Sage ihrer Freundin, der
Bildhauerin Ingeborg Steinohrt (1917-1994) in Hannover, und diese beschloss, eine Szene
aus meiner Erzählung in zwei Statuetten darzustellen, wobei sie meine Frau und mich als
Modelle für die Figuren Eurydike / Orpheus auswählte. In meiner Orpheus-Version heißt es
bei der Wiederbegegnung von Orpheus mit Eurydike in der Unterwelt an entscheidender
Stelle:


Staunend steht sie da, streift das Totentuch von der Stirn zurück und fragt: Was ist das für
ein Traum, in den ich hier erwache? Zugleich erkennt sie mit freudigem Erschrecken: Ihr
Götter, das ist ja das Leben, das bist ja du, und sie hebt ihm ihre Hand entgegen, die eben
noch zögerte…


Diese Textstelle realisierte Inge Steinohrt in ihren Statuetten, die durch die Finanzierung von
Eva Schwieger von Alten in Bronze gegossen werden konnten und die Eva Schwieger von
Alten meiner Frau und mir schenkte.

So kann eine Geschichte weitere Geschichten nach sich ziehen und können Worte
tatsächlich Gestalt annehmen.

(Eine ausführliche Fassung der Episode findet sich in dem Kapitel „Wer war Cocteau?“ in:
Jürgen Schwalm „Wort und Bild und Kunst und Leben – Einfälle zu Vorfällen“, Seemann
Publishing, 2021)

Allen Freundinnen und Freunden wünsche ich im neuen Jahr Gesundheit und Zufriedenheit


Euer Jürgen / Jorgos

 

 

 

Freitag, 23. Dezember 2022

Naturspiele


Naturspiele

Mineralien können in ihrer Struktur und Farbe unsere Fantasie anregen. Dann können sie uns mit Bildern täuschen, die uns bezaubern, etwa mit der Darstellung von Blumen und Blättern, Bäumen, Tieren, Gesichtern, Häusern, Ruinen, Landschaften oder Ritterburgen. Meine Mineraliensammlung enthält viele Beispiele für dieses Phänomen. Einige habe ich für Sie auf diesem Foto zusammengestellt:


1. Ein Bild, das den Titel „Die Ruine“ oder „Der Steinbruch“ erhalten könnte, erscheint durch    den vorangegangenen Steinschliff auf einem Achat.

2. „Kräuter und Moose“, die wir auf einem Schieferblock zu sehen glauben, sind keine Pflanzenversteinerungen, sondern Eisen- und Mangandendriten.

3. Die Strukturzeichnung auf der Sandsteinstufe, die eine „Sanddünenlandschaft“ vortäuscht, ist durch Eisenoxid- Einlagerungen bedingt.

5. Einfärbungen im Achat lassen eine „Landschaft mit Bäumen“ entstehen.

6. Auf der Achatbrosche erscheint eine „Alte Stadt“.

7. Die hellen Auflagerungen auf dem schwarzen Basaltblockes ähneln frappierend "Schimmelpilz- und Bakterienkulturen“, bestehen aber aus Aragonit. 9. Auf dem Stein befindet sich keine versteinerte „ Blüte“, sondern das Phänomen wird durch Auflagerungen von kleinen Coelestin-Kristallen hervorgerufen.

Allen, die meinem Herzen nahe stehen, wünsche ich ein gutes Weihnachtsfest!

 Jürgen Schwalm