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| Foto: Marina Warnick |
Jürgen Schwalm
Du scheues Reh am Waldessaum
Kommentare zum Kitsch
(Auszüge aus dem Essay)
…Woher kommt denn überhaupt das Wort Kitsch, das man nahezu im gesamten
europäischen Sprachraum kennt? Zunächst denkt man, es könnte englischer
Herkunft sein. Dabei soll natürlich nicht behauptet werden, dass die Engländer mehr
Kitsch produzieren als andere Nationen. Nur: das Wort klingt halt so, als ob es von
kitchen käme. Kitsch in the kitchen. Doch wir wollen die englische Küche nicht
schlechter machen, als sie ohnehin schon ist.
Zitieren wir die Etymologen. Sie deuten das Wort und das davon abgeleitete Adjektiv
kitschig mundartlich. Es sei erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
bezeugt.
Was hat man denn vorher zum Kitsch gesagt? Ich kenne kein gleichwertiges Wort.
In Deutschland sprach man zur Goethezeit von Ungeschmack. Jüngst wurde auch in
einer Kitsch-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe das Wort
wieder aufgegriffen und der Ungeschmack in der Produktkultur mit bösen Dingen
demonstriert. Aber der Ausdruck trifft doch nicht den Kern. Über Geschmack lässt
sich bekanntlich trefflich streiten und das im ursprünglichen Wortsinn: der eine
goutiert lippenleckend das Menü, das in der Alchimistenküche des Kitsches
zusammengerührt wurde, und der andere bezeichnet es als ungenießbar oder
geschmacklos.
Wenn auch früher eine treffende Bezeichnung fehlte: Kitsch gibt es doch schon von
jeher. Er kroch mit der Kunst aus dem Ei. Man denke nur an die antiken
Devotionalien. Die Archäologen hören das nicht so gerne. Es könnte so manchen
Fund anrüchig machen und abwerten.
Mein alter Brockhaus aus dem Jahre 1894 kennt nur den Kitschbaum, soviel wie
Traubenkirsche, eine Prunusart. Da hilft uns also selbst die Botanik nicht weiter, die
doch sonst von altersher unermüdlich herangezogen wurde, wenn es galt,
Aufklärung zu betreiben, unter anderem mit der Vorgang der Bestäubung. Allerdings
sieht man jedes Jahr zu Weihnachten die schönsten Kitschbäume…
…Dem Kitsch liegt nichts daran, analysiert und kritisiert zu werden, weil er Angst hat,
sich lächerlich zu machen, und der Kitsch nimmt sich meist sehr, sehr ernst.
Es ist ja eigentlich kein Wunder, dass kaum einer wagt, eine Definition für Kitsch
abzuliefern. Wer möchte es schon mit den vielen empörten Gartenzwergen
aufnehmen, die dann mit geschultertem Spaten wütende Aufstände anzetteln
würden? Wer möchte Beleidigungsklagen von Zipfelmützenträgern provozieren? Und
außerdem: Wer möchte in diesem Zusammenhang denn das Bibelzitat von dem
hören, der ohne Sünde ist und den ersten Stein wirft?
Der Kitsch lässt sich eben nicht definieren wie der Pfannekuchen als gebratene
Mehlspeise. Er kann allenfalls kommentiert werden, und jeder Kommentar ist
subjektiv…
…Kitsch will nun einmal ubiquitär sein. Darum ergießt er seine rosa Soße über alle
Lebensbereiche und duldet da keine Ausnahmen. Was gut und schön, nimmt unter
seinem Überschwang ein prachtvolles Ende.
Sämtliche Sparten der Literatur, das weite Feld der bildenden Kunst, die Musik, der
Film, das Fernsehen, die Mode, die Werbung, die Religionen und Ideologien, die
Politik, die Erotik, die Erinnerungen, die uns lieb und teuer sind, alles kann mit den
künstlichen Rosen des Kitsches geschmückt werden…
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…Kehren wir zurück zur Etymologie des Wortes Kitsch.
Das Verb kitschen soll streichen, schmieren, zusammenscharren, entlang streichen,
rutschen und flitzen können. Kann es auch flutschen?
Ich meine: das muss man dem Kitsch lassen: er flutscht. Er kommt schnell voran. Er
flutscht oft wie Cremetorte durch die Kehle, bloß: nachher kann man Bauchweh
bekommen.
Kitsch schmiert und lässt sich verschmieren. Im Schwedischen wird der
Zusammenhang noch deutlicher. Smörja bedeutet da schmieren, aber auch Kitsch
und Schund. Und smör ist die mit dem Wort Schmer verwandte Butter. Man kann
smör in der kitchen auf ein Sandwich kitschen…
…Als ich den wunderbaren Roman „Die Schaukel“ der deutsch-französischen
Schriftstellerin Annette Kolb las, entdeckte ich das ominöse Wort Kitsch in einem
noch ganz anderen Zusammenhang: Da verkitscht ein Münchner Mädchen ihren
Wintermantel, um das Eintrittsbillett für einen Gastauftritt der Duse bezahlen zu
können. Mein bayrischer Freund, der Autor Armin Jüngling, klärte mich auf: das Wort
verkitschen ist jiddisch und bedeutet hier so viel wie verhökern…
…Wer Kitsch als Scheinkunst bezeichnet, trifft das Übel gar nicht schlecht. Denn
Kitsch will immer mehr scheinen als er sein kann. Zum Kitsch gehört die Opulenz der
Verpackung. Das simple Sein genügt nicht mehr dem dekorativen Anliegen.
Denn Kunst-Kitsch soll mit seiner Überflüssigkeit und Nutzlosigkeit die Erbärmlichkeit
des Lebens vergessen lassen.
Das Makart-Bouquet , das in der Gründerzeit auf verschnörkelten Beistelltischchen
und in imitierten China-Vasen Pfauenwedel und Wachsrosen zu prachtvollen Dekors
arrangierte, verwelkte nie. Es verstaubt unter der Bezeichnung Trockenstrauß auch
heute weiter.
Man kann Kitsch sogar potenzieren. Künstliche Tulpen bekommen dann zum
Beispiel zusätzlich noch elektrische Lämpchen in die Blütenkronen montiert. Diese
falschen Tulpen leuchten, ohne zu beleuchten. Aber immerhin: die Scheinkunst
scheint…
…In allen Essays und Analysen zu Fragen des Kitsches wird ein ganz
entscheidender Faktor nie ausreichend abgehandelt: Die Erscheinungsformen des
Kitsches sind durchaus zeitbezogen und zeitabhängig.
Kitsch ist in besonderem Ausmaß auch Ausfluss des Lebensgefühls und der
Lebenseinstellung einer Epoche. Will sich dieses Gefühl in die Kunst ergießen, kann
Kitsch entstehen. Jede Zeit hat überwertete Lebensinhalte, von ihnen droht der
Kitsch…
…Ob etwas als Kitsch empfunden wurde oder wird, ist nicht nur eine Frage der Zeit,
sondern auch der Bildungsstufe…
…Damit sind wir beim Stichwort Verkitschen. Verkitschen ist die Nachahmung mit
nicht werkgerechtem Material.
Ich sage nur: Kunststoff, Plastik. Neuerdings wird auch wieder mehr Gips verwendet,
weil er als umweltfreundlicher propagiert wird. Gips ist ein von jeher beliebter
Schlackermatsch für Repliken… Man mag sagen: Einen Gipskopf von Schiller oder
Goethe auf das Regal zu stellen, ist besser als gar kein Buch zu besitzen. Oder den
Papst als Gipskopf von einer Pilgerreise aus Rom mitzuschleppen, ist besser als gar
keine Andacht.
Zucker übertrifft allerdings alle Materialien. Mozart, vom Zuckerbäcker geformt,
macht seine Melodien zum Anbeißen süß! …
…Nach Ansicht mancher Arrangeure flutscht Mozarts Musik noch viel besser, wenn
man sie aufbereitet genießt: vom Schlagzeug zu Schlagobers geschlagen, mit
Saxophonen cremig gedudelt und in Rokoko-Kostümen zum Dessert serviert. André
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Rieux hat in dieser Dekoration schon viele Herzen wundgefiedelt. Und Liberace,
dieser King of Kitsch, traktierte sein Klavier einst bei Kerzenschein so köstlich, dass
man sein parfümiertes Leben sogar verfilmte.
Am vergnüglichsten wird es, wenn Wort und Musik gleich kitschig sind. Ganghofers
Lolo ist mit Franz Lehárs (1870-1948) Waldmägdelein ganz nah verwandt, und der
Fürst von Ettingen gleicht dem jungen Jägersmann im noch immer viel gesungenen
Vilja-Lied wie eine Ankleidepuppe der anderen:
Und ein nie gekannter Schauer
fasst den jungen Jägersmann,
sehnsuchtsvoll fing er still zu seufzen an:
Vilja, o Vilja, du Waldmägdelein,
fass mich und lass mich dein Trautliebster sein,
Vilja, o Vilja, was tust du mir an?
Bang fleht ein liebkranker Mann.
Bevor ich ein kitschkranker Mann werde, schließe ich meine Betrachtung. Ich muss
hier ganz konsequent ein Ende setzen, denn der Kitsch hört nicht auf, mich mit
weiteren Beispielen zu beliefern. Kitsch hört überhaupt nimmer auf.
Er ist, ich sagte es schon, unendlich und unsterblich.
Bevor ich den Vorhang zusammenschlage, wage ich doch noch eine finale Definition:
Kitsch ist eine globale, therapiesesistente Seuche, die ein berauschendes Gift
produziert, das den Verstand lähmt. Kitsch erzeugt den Wahn, man hätte das
grenzenlose himmlische Paradies schon auf Erden gefunden, während man sich in
Wirklichkeit weiterhin nach wie vor nur in der eigenen, eng eingezäunten
Gartenparzelle herumsuhlt.
Der Ring hat sich geschlossen, das Schicksal hat mich wieder in die Gartenlaube
verschlagen.
Dort falte sich, von Zwergen bewacht, ergeben und fromm die Hände. Es liegt alles in
Kitsches Macht.
(der Essay steht ungekürzt in: Jürgen Schwalm, Wort und Bild und Kunst und Leben,
Einfälle zu Vorfällen, Seemann Publishing 2021)
| Jürgen Schwalm: Der Zaun, Hinterglasmalerei |
Jürgen Schwalm
Am Ende der Straße
Am Ende der Straße
die letzte Bahn
das müde Licht
das späte Haus
und nach dem Zaun
der Gartenweg
die Amselhecke
die steile Treppe
das alte Zimmer
der schwere Schatten
Du gabst dein Wort
Verlass mich nicht
Und einmal noch
der Vogelruf
in dunkler Nacht
Verrat mich nicht
| Jürgen Schwalm: Bäume am Ufer, Glasmalerei, 2006 |
Jürgen Schwalm
Arbor vitae
Auf dem Lebensschiff
spannte der Mast
grüne Laubsegel aus
zur glücklichen Reise
Doch die Fahrt
näherte sich dem Ziel
als das erste Blatt
auf meine Schulter fiel
und das Mal bewirkte
das mich verwundbar machte
und jeder Herbst
wirft nun den Speer
Jürgen Schwalm: Der Fliegende Holländer, Collage |
Jürgen Schwalm
Klabautermann
Der Kompass der Narrenschiffsreise
schlingert zwischen Ost und West
und Süd und Nord
und Strich für Strich
durch alle Hafenkneipen
wo das Seeemannsgarn
für die Mädchen gespleißt wird
bis sich die Balken biegen
Nach acht Glasen
und hinter dem achten Glas
hockt hinter Nebel und Rausch
der Klabautermann
als Flaschengeist
tief im Rum
Wer ihn befreit
mit gezinkten Karten
bei schaukelnder Lampe
und schrägen Planken
den rettet er
aus dem wütenden Meer
und nimmt ihn mit
beim Wellenritt
zum großen Kapitän da droben
wo die weißen Wolken segeln
Jürgen Schwalm: Wünsche in Blau, Hinterglastechnik
Jürgen Schwalm
Der Weg zu uns
Alle Mythen sind unsterblich
und wiederholen sich in unserem Leben.
Liebe Irene, ich schreibe an Dich und für Dich. Nimm die Botschaft als Schwur und Vermächtnis. Ich könnte zu Dir sprechen, denn Du sitzt ja ganz dicht bei mir in Deinem bequemen Sessel und liest. Du hältst den Kopf gesenkt, eine Haarlocke fällt in Deine Stirn, Du pustest sie zurück. Du legst das Buch aus der Hand, streifst die Schuhe ab und ziehst die Beine hoch, rollst dich ein wie eine Katze. Katzengleich unbeirrt zogst Du immer Deine Spur, wer Dich dabei stören wollte, musste damit rechnen, Deine schmerzhaften Krallen zu spüren. Du fixiertest eigene Ziele, die durchaus wechseln konnten. Aber Dein unberechenbarer plötzlicher Widerstand war es gerade, der mir gefallen konnte, der mich immer wieder aufgefordert hat, Deine Wege zu kreuzen und ihnen wenigstens streckenweise zu folgen.
Also: Ich könnte mich jetzt Dir zuwenden und mit Dir reden, aber das gesprochene Wort ist zu flüchtig und zu vergänglich für das, was es festzuhalten gilt für unser kurzes Leben vor unserem langen Tod, die Erinnerung nämlich an jenen griechischen Sommer auf Zakynthos, an unseren Sommer, der uns wieder zusammenführte nach allen Deinen Fluchten und nach allen meinen Irrfahrten, die sich zu einer Odyssee gereiht hatten. Der Norden war stets nur meine zweite Heimat gewesen. Die südlichen Küsten waren mir näher. Griechenland war von jeher die Heimat meiner Seele, meines Herzens, Urheimat schon vor meiner Geburt, Stammheimat. Dort entdeckte ich in meinem eigenen kleinen Schicksal die Last, aber auch die unbändige Kraft der großen Überlieferungen. Dort war ich schon immer gewesen in allen Träumen, die entscheidender sind als die Wirklichkeit. Vor den griechischen Küsten lag mein Anker, er hing an einer reißfesten Kette, die zu den tiefsten Geheimnissen führte.
Du wusstest davon, Irene, Du hattest es längst erkannt. Du hast mich von jeher erkannt, deshalb hast Du mich immer wieder frei gegeben. Als alles zu zerbrechen drohte, warst Du so klug, noch einen Versuch zu wagen vorm endgültigen Absprung. Eine gemeinsame Reise vor den nächsten Entschlüssen.
Und das Wunder geschah: Es gab einen Neuanfang für uns beide. Wir segelten nach Zakynthos.
*
„Der Weg zu uns“ hieß der Schlager, der in jenem Sommer aus allen griechischen Tavernen quoll und die heißen Tage eroberte und die bunt schillernden Nächte. Sirupsüß haftete er in den sonnengebleichten Haaren, auf der Haut, auf der Zunge. Helena trug ihn über alle Lautsprecher vor, sie ließ keinen Anlass aus, Helena, der Shootingstar aus Zakynthos mit ihrer tiefen rauen Samtstimme. Aus finsteren Kneipen war sie aufgestiegen, sie war aus dem Nebel der Nikotinschwaden und über Wein- und Bierpfützen in ihren heftig auflodernden, aber kurzlebigen Ruhm gestoßen worden. Über Land und Meer raunte Helena damals die Zauberworte unseres südlichen Sommers: „Der Weg zu uns“. Eine Hexe war sie, eine Circe; sie konnte Männer in Schweine verwandeln und Frauen zum Weinen bringen, ungeschoren ließ sie keinen; sie drängte sich allen Geschlechtern auf, den Männern, den Frauen und denen zwischen den Ufern.
Schlager können wirklich zuschlagen. Sie können Nägel ins Herz treiben, und der Verstand kann sie dann nicht mehr herausziehen; zurück bleibt ein blutendes Herz, vielleicht eine Narbe, vielleicht sogar eine lebenslängliche Tätowierung, die den Schaden für alle sichtbar macht. Der Liebe Freud, der Leiden lange Zeit. Im Schlager darf sich alles reinem, wenn es auch wehtut.
„Der Weg zu uns“ hieß das Lied dieses Sommers, und alle Sehnsucht der Welt beschwor die Melodie, die trunken war vom Licht der Tage, vom Wein der Nächte.
Ich hab’ dich geliebt.
Als du mich verlassen,
konnt’ ich nur noch hassen.
Du kehrtest zurück.
Was ist mir geblieben?
Ich kann nur noch lieben.
Was nützt es, klug zu sein, wenn eine Zauberstimme die eigene Sehnsucht weckt? Ich will es nie mehr leugnen, dass meine Sehnsucht und mein Heimweh letztlich immer Deinen Namen trugen, Irene. Und in jenem Sommer ließ die Heimweh-Melodie alle Wünsche auferstehen. Ich war ja immer nur deswegen von Dir fortgegangen, um wieder zu Dir zurückkehren zu können. Wie fern ich Dir auch war, welche Abgründe auch zwischen uns lagen, alle Meere führten schließlich doch zu Dir zurück. Kam ich zurück, lag Salz auf meinen Lippen, der Bodensatz dunkler, vergeudeter Tage. Jedes Mal trat ich wieder hungrig und durstig wie ein Schiffbrüchiger reumütig bei Dir ein, damit Du meine Wunden kühlen konntest.
Und nun waren wir beide gestrandet an der griechischen Inselküste. Und Helena hatte ihr kleines Lied gesungen, sie sang es für die ganze Welt und sang es doch nur noch für Dich und mich.
Wir hörten es immer wieder in der Dionysos-Bar am Hafen, die Zuflucht wurde für uns zwei. Das Lied schlug bei uns auf und auf uns ein. Wie Odysseus war ich zurückgekehrt, war Dir wieder so nah wie einst; älter geworden, aber nicht gescheiter. Und Du hattest wie Penelope auf diesen Augenblick gewartet. Ich entdeckte Dich plötzlich neu; Du warst ja auch wirklich neu erstanden für mich.
„Denk nicht an gestern“, sagtest Du. „Graue Haare kann man färben. Lass uns tanzen gehen. Heute will ich auf dem Seil tanzen über dem Abgrund. Komm mit, heute werden wir nicht abstürzen, heute nicht!“ – Du sagtest: „Heute weiß ich, dass du wirklich wieder bei mir bist und zugleich in Deiner Heimat. Das ist Gnade, das ist die Gunst der Stunde. Wir sollten uns beide von ihr verführen lassen.“ –
Wie hörten das Heimweh-Lied, es folgte uns nach, als wir die Bar verließen und den Bootssteg betraten, und wir sahen zu, wie es vor Zakynthos im Meer schaukelte, wo anfangs noch die Sonne scheibchenweise auf den Wellen schwamm und später der Mond. Aber da trugst Du schon die rote Blüte im Haar und flüstertest mir ganz leise meinen Namen ins Ohr. Das war Deine zärtliche Gabe für unsere Wiedergeburt.
Zurück in der Dionysos-Bar, beim Abendessen, wollte ich Dir unbedingt das Lied schenken, das doch eigentlich für die ganze Welt bestimmt war, und Du nahmst meine Gabe an und trankst das Lied aus meinem Glas. Da wollte das Lied mit Dir tanzen und schlüpfte in Deine Schuhe, die hatten aber hohe Absätze, und so konnte es nicht so rasch, wie es wollte, mit Dir davonlaufen, und da rief ich voll Übermut: „Ich nehme euch beide auf meine Arme!“
Wir waren göttlich trunken, wir liefen hinaus in die Nacht. Unser Tanz auf dem Seil. Heute konnte das Seil nicht reißen. Wir schwankten märchenhaft vertraut am Kai, Du, die Melodie und ich, und der leichte Dunst, der über dem Wasser aufstieg, duftete wie Anis. „Das ist der Ouzo“, sagtest Du, „das ist unser nächtlicher Schutzheiliger, der auch nicht länger in seiner Kirche bleiben mag.“
Unseren Schutzheiligen hatten die Glocken verbimmelt und nun ging er bummeln. Er strich durch die kleine Stadt am Hafen und zündete an jeder schrägen Ecke seine Lampen an, die der Dunkelheit zu Kopfe stiegen. Da sprühten die silbernen Funken, im Wasser gespiegelt, ein launisches Feuerwerk! In dieser Nacht kamen wir dem Himmel so nah wie nie in taumelnder Lust. Das war die Nacht unserer Auferstehung.
*
Wir sind in den Norden zurückgekommen, wir sind nicht mehr in Griechenland.
Ich werde warten, bis Du aus Deinen Träumen erwachst, Irene, und Dir dann meine Hände auf die Schultern legen.
Was ist mir geblieben?
Ich kann nur noch lieben.
Schlager können wirklich zuschlagen.
Von den Freuden der Liebe hatte Helena gesungen und von ihrer Vergänglichkeit.
Der Liebe Freud währt nur für kurze Zeit.
Lieder können Nägel ins Herz treiben.
Und der Liebe Ewigkeiten? Soll ich Dich das jetzt noch fragen, Irene? Ich weiß ja doch, welche Antwort Du mir geben wirst. „Frag nicht nach“, wirst Du sagen, „damit es kein Ende mehr geben wird zwischen uns.“