Samstag, 19. September 2026

Foto: Marina Warnick

 

Dieterich Buxtehude

Jürgen Schwalm: Die Urzelle, Hinterglasmalerei, 2014

 Jürgen Schwalm

Dieterich Buxtehude

Die Flut der Klänge
drängt zum Gewölbe
Sankt Marien erwacht
Der Lübecker Meister spielt
Die Register sind gezogen
Dem Bälgetreter wird warm
denn viel Luft wird gebraucht
bei jedem großen Werk des Organisten
organo pleno

Dieterich Buxtehude
hat die Feder eingetaucht
und die Noten sprießen lassen
hat sie behängt
mit dem Flittergold prunkvoller Verzierungen
und dem Rankenwerk gravitätischer Verneigungen
hat sich gebeugt vor Gottes Wort
ganz tief und gehorsam

hat den behördlichen Verordnungswust ertragen
in der kärglichen Kammer im Werkhaus
durch das der Küchendunst wabert
der musenfeindliche Kohlgeruch
im Alltagskampf
wo ihm der Ärger mit der Bauverwaltung
den Hals abdrückt
die Sorge um den Nachfolger
und um seine Tochter natürlich auch

Unbeirrt setzt er immer wieder
Note gegen Note
bis zum Finis operis
lässt die Regenschauer der Präludien
niederprasseln
arrangiert die Jagd der Fugen
durch den sommerlichen Wald
jugendlicher Erinnerungen
und hofft
dass dieser kostbarste Schatz
bis zum letzten Tutti bleibt

Am End war nur noch Klang was da geschah
und führte ihn vom E ins H

 

 




Montag, 7. September 2026

Aufbruch

Jürgen Schwalm: Der Neubeginn, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Aufbruch

Immer wieder dieser Verrat
und die verlöschende Flamme,
die Pläne von einst
und die abgelegten Träume.
Ich war auf vielen falschen Wegen,
aber ich wage es trotzdem,
nochmals aufzubrechen,
wohin das Licht und der weite Horizont mich rufen,
damit ich mich im Ziel erkenne.
Wie hinter mir die Nacht versinkt,
liegt vor mir ausgerollt der Raum,
und schließlich siegt das grenzenlose Staunen. 

 

 

 

Dienstag, 25. August 2026

Chanson

Jürgen Schwalm: Bäume am Fluss, Glasmalerei

 Jürgen Schwalm

Chanson

 Am Uferweg
Erwart’ ich dich
Unter der Brücke
Wo die Laternen
Im Nebelkleid stehn

Ich seh dich schon
Im Lichtgeflirr und feuchten Hauch

Ich heb’ die Hand
Du rufst mir zu
Gleich bist du da

Am Uferweg
Unter der Brücke
Wo die Laternen
Im Nebelkleid stehn

Drei Schritte noch
Jetzt bist du da

Der Fluss wird still
Die Zeit hält an

Am Uferweg
Unter der Brücke
Versinkt für uns die Nacht
Und du bleibst Kuss um Kuss
Mir nah

 

 

 

Samstag, 8. August 2026

Avant de mourir

 

 Jürgen Schwalm: Ewige Blüte, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Avant de mourir*

Nächtliche Tangoschritte

Liebevolle Erinnerungen
auf den Saiten der Violine verhaucht
Könnte mich als letztes Geschenk

diese Melodie
den jähen Abschied von dir
vergessen lassen
Würden diese schlichten Klänge

wenn ich dich
wo auch immer
wiedergefunden hätte
unseren Begrüßungskuss begleiten
dann bäte ich das Lied
weiter mit uns zu tanzen
über den Tod hinaus


*Tango von Georges Boulanger (1893-1958)
Das Gedicht steht in dem Lyrik-Band von
Jürgen Schwalm: Arm in Arm und Wort für Wort

 

 

 


Sonntag, 26. Juli 2026

Angewandte 'Archäologie

Jürgen Schwalm: Das Auge des Polyphem, Collage

 



Jürgen Schwalm: Archaische Träume, Inventionen, 1980
Angewandte Archäologie

Die Ausdrücke der Medizin sind nicht ohne Poesie; so erhält auch die blutigste
Wissenschaft ihre Zierschleife. Hört ein Archäologe das Wort Thalamos, ersteht vor
seinem inneren Auge ein antikes Schlafgemach, in dem sich auf erhöhtem Lager ein
Hochzeitspaar unter Lustschreien vereinigt. Da möchte er sogleich zu einem
Schliemann werden, mit dem Archäologenspaten den Schutt der Jahrhunderte
abtragen und mit indiskreter Hand die Bettgardine anheben. Für mich als Mediziner
steckt der Thalamos nicht nur im klassischen Altertum sondern auch in meinem
Zwischenhirn, und in meinen archaischen Träumen grabe ich immer wieder gerne bei
meinen Sehhügeln nach, um die Schleifenbahnen der Empfindungen freizulegen und
darauf spazieren zu gehen. 
 
 
 

Dienstag, 21. Juli 2026

"Ich musste es auf meine Weise sagen"

 

Georg Kolbe (1877-1947): Porträtkopf Annette Kolb, Kunstmuseum Bern 

 
Einleitung zum Essay über Annette Kolb
Jürgen Schwalm


„Ich musste es auf meine Weise sagen“
Annette Kolb (1870-1967)
Leben und Werk


I

Die Annäherung an einen Autor erfolgt oft durch Schlüsselerlebnisse.
Ereignen sie sich im richtigen Augenblick, können wir den Autor zum
Weggefährten unseres Lebens machen. Der Autor täuscht sich, wenn er
meint, er hätte uns durch seine Werke geködert. Es ist immer der Leser,
der den Autor für sich erobert.
Die Strategie des Lesers: Einkreisung des Autors von außen nach
innen in konzentrischen Ringen, deren Radien sich unter Ausnutzung
der Zentripetalkräfte verkleinern. Und schon haben wir den Autor
gefangen. Was auch immer geschehen mag: Von nun an kann er uns
nicht mehr enttäuschen. Wir wollen ihn so für uns behalten, wie er ist, mit
seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Niederlagen und Siegen.

*

Das lateinische Wort Poeta für Dichter. Es hat eine a-Endung, bei der
das grammatische Geschlecht mit dem natürlichen übereinstimmen
kann, und von einer Frau soll heute die Rede sein, die als Autorin ihren
Mann stand, ohne das Vorrecht aufzugeben, dabei eine Frau zu bleiben:
ANNETTE KOLB.

*