Freitag, 14. Juni 2024

(Foto: Gisela Heese)

 

Gezeiten

Jürgen Schwalm: "Der Mond über der Stadt", Hinterglastechnik mit Glasfarben, Stoffproben und Goldpapier, 2018

 

 

 

Jürgen Schwalm

Gezeiten


Manchmal lebe ich auf

und manchmal lebe ich ab,

und mein Mond

aus Freude und Trauer

schafft Ebbe und Flut.

 

 

 

 

Freitag, 7. Juni 2024

Lübeck






Besucher, denen ich Lübeck zeige, verwechseln oft die Wasserstraßen, die die Altstadt umgeben bzw. durchfließen. Die Altstadt war ursprünglich keine Insel, sondern hatte nördlich vor dem Burgtor eine feste Landanbindung. Diese wurde erst durch den Bau des Lübeck-Elbe-Kanals durchbrochen, der 1900 durch Kaiser Wilhelm II feierlich eröffnet wurde. Um dies zu veranschaulichen, zeige ich anbei ein Foto, das am Ende des 19.Jh. während der umfangreichen Erdarbeiten vor dem Burgtor gemacht wurde (Privatsammlung Otto Rohde). Durch die Landanbindung war Lübeck in früheren Jahrhunderten an nördlicher Seite am schwersten zu verteidigen; noch 1806 gelangten die napoleonischen Truppen durch das Burgtor und eroberten und besetzten Lübeck. Auf dem Plan von 1879 ist der ursprüngliche Wasserverlauf ebenfalls deutlich zu erkennen. 





Durch den Bau des Elbe-Lübeck- Kanals musste der Wasserweg der Wakenitz umgeleitet werden. Die Wakenitz ist der natürliche Abfluss des Ratzeburger Sees und verlässt den See bei Rothenhusen.  Beim Kanalbau wurde die Wakenitz in Lübeck durch einen Damm (Falkendamm) abgesperrt und u.a. durch den Düker, ein neun Meter tiefes Rohrsystem, unter dem Kanal hindurch über den Krähen- und Mühlenteich entwässert, und gelangt nun über die Wehranlagen am Mühlendamm in die Stadt -Trave (siehe: ADAC-Karte Lübeck).



Die Trave entspringt in Gießelrade (Kreis Ostholstein) zwischen Ahrensbök und Scharbeutz,  fließt durch den Wardersee nach Bad Segeberg, dann nach Bad Oldesloe und an Reinfeld vorbei, um schließlich bei Hamberge und Moisling nach Lübeck zu gelangen; sie mündet in Lübeck-Travemünde in die Ostsee.

 




















Freitag, 31. Mai 2024

Das abgelegte Gestern

Votiv-Hand (Ex Voto) in natürlicher Größe aus Silberblech, 19. Jahrhundert, München. - Sammlung und Foto: Jürgen Schwalm

 

 

Jürgen Schwalm

 
Das abgelegte Gestern


Meine Einsamkeit.

Der Rost des Abends.
Hinter kahlem Geäst:
die Kälte.

Wenn ich wüsste,
ob du mich morgen
noch rufen kannst,
das wäre Beschränkung.

Das Heute wundert sich,
wie es möglich ist,
dass deine Hand
doch noch zu meiner findet
mit seiner Wärme.


(aus: Nil pluriformius amore)





 

Freitag, 24. Mai 2024

Zauberei

Maske aus Sri Lanka für rituelle Zeremonien, 20. Jahrhundert - Sammlung und Foto: Jürgen Schwalm

 

Jürgen Schwalm

 

Der Schatten

 

Deine Angst vorm bösen Geist ist groß.

Deshalb schnittest du auch meinen Schatten aus

und hast ihn in zwei Hälften gerissen.

Der Schmerz hat mich durchquert.

Ob nun meine böse

oder meine gute Hälfte

heute Abend zu dir kommen wird,

um mit dir zu schlafen,

wirst du erst erfahren,

wenn wir die Lampe gelöscht haben.

Aber Achtung:

Rache schmeckt süß.

 

(aus: Nil pluriformius amore)

 

 

 

 

 

Freitag, 17. Mai 2024

Ein Liedchen grün

Jürgen Schwalm: Arabeske, Porzellanmalerei, 2004

 

 

Jürgen Schwalm

 

Ein Liedchen grün

 

Als die Brise des Morgens

ein Liedchen grün

frisch-saftig

bitter-süß

in scherzender Weise

auf Flatterreise

 brachte,

machte

auch eine spaßhafte Meise

ihre Flugkreise

geschwind

wie der Wind

als groteske

Arabeske,

wobei sie zwitschernd lachte.  

 

 

 

 

Freitag, 10. Mai 2024

Vermessene Vermessungsergebnisse

Zeitmesser: Taschen-Sonnenuhr, hergestellt von Michael Kala (8720 Knittelfeld / Steiermark / Österreich) nach einem historischen Vorbild im Royal Observatory von Greenwich. - Sammlung und Foto : Jürgen Schwalm

 

Der Mensch definiert – unermüdlich und eigensinnig konsequent – das, was er für seine Welt hält, indem er sie vermisst und datiert. Die Ergebnisse dieser Vermessungen des Universums hält er für richtig, da er überzeugt ist, überall das bestimmende Zentrum auszumachen, um das sich jedes Geschehen dreht. Aber die Welt lässt sich nicht von uns definieren. Um es burschikos zu formulieren: Sie pfeift auf unsere vergeblichen Bemühungen, sie interpretieren zu wollen.


Jürgen Schwalm