Samstag, 8. August 2026

Foto: Marina Warnick

 

Avant de mourir

 

 Jürgen Schwalm: Ewige Blüte, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Avant de mourir*

Nächtliche Tangoschritte

Liebevolle Erinnerungen
auf den Saiten der Violine verhaucht
Könnte mich als letztes Geschenk

diese Melodie
den jähen Abschied von dir
vergessen lassen
Würden diese schlichten Klänge

wenn ich dich
wo auch immer
wiedergefunden hätte
unseren Begrüßungskuss begleiten
dann bäte ich das Lied
weiter mit uns zu tanzen
über den Tod hinaus


*Tango von Georges Boulanger (1893-1958)
Das Gedicht steht in dem Lyrik-Band von
Jürgen Schwalm: Arm in Arm und Wort für Wort

 

 

 


Sonntag, 26. Juli 2026

Angewandte 'Archäologie

Jürgen Schwalm: Das Auge des Polyphem, Collage

 



Jürgen Schwalm: Archaische Träume, Inventionen, 1980
Angewandte Archäologie

Die Ausdrücke der Medizin sind nicht ohne Poesie; so erhält auch die blutigste
Wissenschaft ihre Zierschleife. Hört ein Archäologe das Wort Thalamos, ersteht vor
seinem inneren Auge ein antikes Schlafgemach, in dem sich auf erhöhtem Lager ein
Hochzeitspaar unter Lustschreien vereinigt. Da möchte er sogleich zu einem
Schliemann werden, mit dem Archäologenspaten den Schutt der Jahrhunderte
abtragen und mit indiskreter Hand die Bettgardine anheben. Für mich als Mediziner
steckt der Thalamos nicht nur im klassischen Altertum sondern auch in meinem
Zwischenhirn, und in meinen archaischen Träumen grabe ich immer wieder gerne bei
meinen Sehhügeln nach, um die Schleifenbahnen der Empfindungen freizulegen und
darauf spazieren zu gehen. 
 
 
 

Dienstag, 21. Juli 2026

"Ich musste es auf meine Weise sagen"

 

Georg Kolbe (1877-1947): Porträtkopf Annette Kolb, Kunstmuseum Bern 

 
Einleitung zum Essay über Annette Kolb
Jürgen Schwalm


„Ich musste es auf meine Weise sagen“
Annette Kolb (1870-1967)
Leben und Werk


I

Die Annäherung an einen Autor erfolgt oft durch Schlüsselerlebnisse.
Ereignen sie sich im richtigen Augenblick, können wir den Autor zum
Weggefährten unseres Lebens machen. Der Autor täuscht sich, wenn er
meint, er hätte uns durch seine Werke geködert. Es ist immer der Leser,
der den Autor für sich erobert.
Die Strategie des Lesers: Einkreisung des Autors von außen nach
innen in konzentrischen Ringen, deren Radien sich unter Ausnutzung
der Zentripetalkräfte verkleinern. Und schon haben wir den Autor
gefangen. Was auch immer geschehen mag: Von nun an kann er uns
nicht mehr enttäuschen. Wir wollen ihn so für uns behalten, wie er ist, mit
seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Niederlagen und Siegen.

*

Das lateinische Wort Poeta für Dichter. Es hat eine a-Endung, bei der
das grammatische Geschlecht mit dem natürlichen übereinstimmen
kann, und von einer Frau soll heute die Rede sein, die als Autorin ihren
Mann stand, ohne das Vorrecht aufzugeben, dabei eine Frau zu bleiben:
ANNETTE KOLB.

*







Montag, 6. Juli 2026

Gartenlust

Jürgen Schwalm: An einem Sommertag um halb zwölf; Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Gartenlust

Viele Religionen beginnen mit und in einem Garten und enden mit der Sehnsucht
ihrer Anhänger, in diesen ersten Garten heimkehren zu dürfen. Freilich: Die Pforten
vor allen Paradiesen sind meist verschlossen oder zu eng. Aber wir Weltenwanderer
sollten die Hoffnung nie aufgeben. Denn warum sollte das, was in einem Garten
verloren ging, denn schließlich in einer Gartenlust nicht wieder eingelöst werden
können?

                                       (aus: Jürgen Schwalm: „Der Lebensbaum“, Betrachtungen)

 

 

 

 

Montag, 22. Juni 2026

Abschiede

Jürgen Schwalm; Das Blut der Rose, Foto, 2021

 

Unser Leben belastet die Kette der Abschiede. Jeder persistierenden
Erinnerung liegt ein Abschied zugrunde, und jeder selbstverschuldete
Abschied verstärkt im Laufe der Zeit den Schmerz der Erinnerung.

Jürgen Schwalm 

 

 

 

 

Montag, 8. Juni 2026

Bastet

Jürgen Schwalm: Das Geheimnis der Bastet. 2013

 

Jürgen Schwalm
Bastet
Altägyptische Erinnerung

Aus der Tünche der Pharaonenjahre, den unverblichen Sedimenten
einstiger Nilsommer, löst du dein gemaltes Profil, erinnerst die
Gefolgschaft der Katzen wieder an die strenge Eleganz deiner
Inszenierungen.
Deine Träume, Königin-Göttin, sträuben dein Fell. Unter dem Baldachin der Papyrosschirme sammelt dein samten-graziöser Schritt wieder die alten Würden ein.
Du schiebst das Muster deiner Ornate auf mich zu, ordnest die
Weichheit deiner Haare um mich her, aber die Lanzen deiner Krallen
impfen mich mit Schlägen, treiben mich in deinen Blick und durch die
Iristore in deine Tempelstadt, tief nach unten, zum Blutopfer im
steinernen Verlies. 

(aus: Archaische Träume)