Dienstag, 21. Juli 2026

 

Foto: Marina Warnick

"Ich musste es auf meine Weise sagen"

 

Georg Kolbe (1877-1947): Porträtkopf Annette Kolb, Kunstmuseum Bern 

 
Einleitung zum Essay über Annette Kolb
Jürgen Schwalm


„Ich musste es auf meine Weise sagen“
Annette Kolb (1870-1967)
Leben und Werk


I

Die Annäherung an einen Autor erfolgt oft durch Schlüsselerlebnisse.
Ereignen sie sich im richtigen Augenblick, können wir den Autor zum
Weggefährten unseres Lebens machen. Der Autor täuscht sich, wenn er
meint, er hätte uns durch seine Werke geködert. Es ist immer der Leser,
der den Autor für sich erobert.
Die Strategie des Lesers: Einkreisung des Autors von außen nach
innen in konzentrischen Ringen, deren Radien sich unter Ausnutzung
der Zentripetalkräfte verkleinern. Und schon haben wir den Autor
gefangen. Was auch immer geschehen mag: Von nun an kann er uns
nicht mehr enttäuschen. Wir wollen ihn so für uns behalten, wie er ist, mit
seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Niederlagen und Siegen.

*

Das lateinische Wort Poeta für Dichter. Es hat eine a-Endung, bei der
das grammatische Geschlecht mit dem natürlichen übereinstimmen
kann, und von einer Frau soll heute die Rede sein, die als Autorin ihren
Mann stand, ohne das Vorrecht aufzugeben, dabei eine Frau zu bleiben:
ANNETTE KOLB.

*







Montag, 6. Juli 2026

Gartenlust

Jürgen Schwalm: An einem Sommertag um halb zwölf; Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Gartenlust

Viele Religionen beginnen mit und in einem Garten und enden mit der Sehnsucht
ihrer Anhänger, in diesen ersten Garten heimkehren zu dürfen. Freilich: Die Pforten
vor allen Paradiesen sind meist verschlossen oder zu eng. Aber wir Weltenwanderer
sollten die Hoffnung nie aufgeben. Denn warum sollte das, was in einem Garten
verloren ging, denn schließlich in einer Gartenlust nicht wieder eingelöst werden
können?

                                       (aus: Jürgen Schwalm: „Der Lebensbaum“, Betrachtungen)

 

 

 

 

Montag, 22. Juni 2026

Abschiede

Jürgen Schwalm; Das Blut der Rose, Foto, 2021

 

Unser Leben belastet die Kette der Abschiede. Jeder persistierenden
Erinnerung liegt ein Abschied zugrunde, und jeder selbstverschuldete
Abschied verstärkt im Laufe der Zeit den Schmerz der Erinnerung.

Jürgen Schwalm 

 

 

 

 

Montag, 8. Juni 2026

Bastet

Jürgen Schwalm: Das Geheimnis der Bastet. 2013

 

Jürgen Schwalm
Bastet
Altägyptische Erinnerung

Aus der Tünche der Pharaonenjahre, den unverblichen Sedimenten
einstiger Nilsommer, löst du dein gemaltes Profil, erinnerst die
Gefolgschaft der Katzen wieder an die strenge Eleganz deiner
Inszenierungen.
Deine Träume, Königin-Göttin, sträuben dein Fell. Unter dem Baldachin der Papyrosschirme sammelt dein samten-graziöser Schritt wieder die alten Würden ein.
Du schiebst das Muster deiner Ornate auf mich zu, ordnest die
Weichheit deiner Haare um mich her, aber die Lanzen deiner Krallen
impfen mich mit Schlägen, treiben mich in deinen Blick und durch die
Iristore in deine Tempelstadt, tief nach unten, zum Blutopfer im
steinernen Verlies. 

(aus: Archaische Träume) 

 

 

 

 

Montag, 1. Juni 2026

Anton Bruckner - Neunte Sinfonie

Jürgen Schwalm: Lübeck, Marienkirche und Dom, Hinterglasmalerei. 2019

 Jürgen Schwalm

Anton Bruckner – Neunte Sinfonie


…ich streue die Asche grauer Gedanken über die Sternblüten,
und in dunkler Nacht, wenn die Welt mich nicht mehr stören kann,
setz ich Note gegen Note – Punctus contra punctum –
wie ich’s gelernt hab, und diplomiert ist es auch,
das stopf ich dem Brahms in den Hals
und dem HERRN HERRN Wagner leg ich’s untertänigst zu Füßen…

… und wie ich sie schreib, da hör ich sie, die Musik
auf der Orgel in Sankt Florian mit allen Registern,
die ich ziehe, mit großem Orchester,
den Fanfarenschrei der letzten Stunde,
den stampfenden Rhythmus der Höllenmaschinen,
die brausende Himmelfahrt, die jubelnden Himmelschoräle…
 

… da taste ich im Nebelfall zurück, wo einst der Sonnenwirbel zuckte,
bevor der Sommer starb… ach, meine einsamen Sommer,
meine Herbsttage, in denen die Zeitlose fahlte…
… und nun lausche ich, wie die Totenuhr pocht im Gebälk,
und forme, Wurm, der ich bin,
und dennoch pflichtbewusst in meiner Schwäche,

Takt für Takt und Satz für Satz
mein letztes klingendes Gebet,
das DIR, LIEBER GOTT, GEWIDMET ist …

 

 

 

Samstag, 16. Mai 2026

Lassen wir das Pendel weit schwingen...

Jürgen Schwalm: Die Botschaft, Hinterglasmalerei

 

Lassen wir das Pendel weit schwingen zwischen Schmerz und Freude,
auf den Bögen, die es unterm Weinen und Lachen ausschaukelt, kehrt
es immer wieder zurück zum unveräußerlichen ICH. – Aber es gibt sie,die Sternfügung der Resonanz. Und weil das ICH doch nie die Hoffnungverliert, das DU zum Mitschwingen zu bringen, werde ich nie aufhören,zu DIR zu sprechen, an DICH zu schreiben. Denn wir ersehnen, solangewir leben, die Erfüllung unseres Traums, erhoffen uns aus demNebeneinander das Zueinander, das Miteinander -, und wenn auch nurfür Augenblicke.


Jürgen Schwalm in „Zeilen über mich“ (1977)