Montag, 22. Juni 2026

Foto: Marina Warnick

 

Abschiede

Jürgen Schwalm; Das Blut der Rose, Foto, 2021

 

Unser Leben belastet die Kette der Abschiede. Jeder persistierenden
Erinnerung liegt ein Abschied zugrunde, und jeder selbstverschuldete
Abschied verstärkt im Laufe der Zeit den Schmerz der Erinnerung.

Jürgen Schwalm 

 

 

 

 

Montag, 8. Juni 2026

Bastet

Jürgen Schwalm: Das Geheimnis der Bastet. 2013

 

Jürgen Schwalm
Bastet
Altägyptische Erinnerung

Aus der Tünche der Pharaonenjahre, den unverblichen Sedimenten
einstiger Nilsommer, löst du dein gemaltes Profil, erinnerst die
Gefolgschaft der Katzen wieder an die strenge Eleganz deiner
Inszenierungen.
Deine Träume, Königin-Göttin, sträuben dein Fell. Unter dem Baldachin der Papyrosschirme sammelt dein samten-graziöser Schritt wieder die alten Würden ein.
Du schiebst das Muster deiner Ornate auf mich zu, ordnest die
Weichheit deiner Haare um mich her, aber die Lanzen deiner Krallen
impfen mich mit Schlägen, treiben mich in deinen Blick und durch die
Iristore in deine Tempelstadt, tief nach unten, zum Blutopfer im
steinernen Verlies. 

(aus: Archaische Träume) 

 

 

 

 

Montag, 1. Juni 2026

Anton Bruckner - Neunte Sinfonie

Jürgen Schwalm: Lübeck, Marienkirche und Dom, Hinterglasmalerei. 2019

 Jürgen Schwalm

Anton Bruckner – Neunte Sinfonie


…ich streue die Asche grauer Gedanken über die Sternblüten,
und in dunkler Nacht, wenn die Welt mich nicht mehr stören kann,
setz ich Note gegen Note – Punctus contra punctum –
wie ich’s gelernt hab, und diplomiert ist es auch,
das stopf ich dem Brahms in den Hals
und dem HERRN HERRN Wagner leg ich’s untertänigst zu Füßen…

… und wie ich sie schreib, da hör ich sie, die Musik
auf der Orgel in Sankt Florian mit allen Registern,
die ich ziehe, mit großem Orchester,
den Fanfarenschrei der letzten Stunde,
den stampfenden Rhythmus der Höllenmaschinen,
die brausende Himmelfahrt, die jubelnden Himmelschoräle…
 

… da taste ich im Nebelfall zurück, wo einst der Sonnenwirbel zuckte,
bevor der Sommer starb… ach, meine einsamen Sommer,
meine Herbsttage, in denen die Zeitlose fahlte…
… und nun lausche ich, wie die Totenuhr pocht im Gebälk,
und forme, Wurm, der ich bin,
und dennoch pflichtbewusst in meiner Schwäche,

Takt für Takt und Satz für Satz
mein letztes klingendes Gebet,
das DIR, LIEBER GOTT, GEWIDMET ist …

 

 

 

Samstag, 16. Mai 2026

Lassen wir das Pendel weit schwingen...

Jürgen Schwalm: Die Botschaft, Hinterglasmalerei

 

Lassen wir das Pendel weit schwingen zwischen Schmerz und Freude,
auf den Bögen, die es unterm Weinen und Lachen ausschaukelt, kehrt
es immer wieder zurück zum unveräußerlichen ICH. – Aber es gibt sie,die Sternfügung der Resonanz. Und weil das ICH doch nie die Hoffnungverliert, das DU zum Mitschwingen zu bringen, werde ich nie aufhören,zu DIR zu sprechen, an DICH zu schreiben. Denn wir ersehnen, solangewir leben, die Erfüllung unseres Traums, erhoffen uns aus demNebeneinander das Zueinander, das Miteinander -, und wenn auch nurfür Augenblicke.


Jürgen Schwalm in „Zeilen über mich“ (1977)

 


Sonntag, 10. Mai 2026

Andalusischer Tanz

Jürgen Schwalm: Der Akrobat, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

 Andalusischer Tanz
für Manuel Moreno

Rhythmus aus Staub getrommelt

Wie der Bogen
von gespannter Sehne
den Pfeil entlässt
schlagen die Stiefelabsätze auf
Zurückgestampft und gezüchtigt
wird der Wirbel jäh unterbrochen
und das Opfer beschworen
Die Strenge reizt zur Ekstase
Aber die Hände leugnen die Absicht nie

Sie flattern
locken
fordern
kreisen ein
fassen zu
und haben gesiegt 

 

 

 

Sonntag, 26. April 2026

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Jürgen Schwalm: Der Stoff, aus dem die Träume sind, Glasmalerei

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1)

Im September 1997 protokollierte ich sofort nach dem Erwachen
folgenden Traum:
Zwei dicht nebeneinanderstehende Bäume (sie heißen im Schlaf „A-horn“ – mit der Betonung auf „horn“) die sich in den Armen liegen, tauschen mit den Fingerspitzen ihrer Zweige unter einem Laubschirm
(Laubschild) Nachrichten aus. Die Nachrichten sehen wie Nüsse aus.
Die Blätter der Bäume schließen sich um die Nüsse, und wenn sie sich
nach einer Weile wieder öffnen, sind die Nüsse verschwunden, weil sie
verdaut wurden. Ich bin sehr zufrieden, weil ich weiß, dass die Nüsse die Erbmasse sind und dass die Bäume den „Austausch“ im Gegensatz zu den Menschen erstmals nach vierzig Jahren unter dem Schirm (Schild) betreiben, wenn sie genügend Erdbeeren, Erbsen und Eckern
gesammelt haben, damit ihnen bessere Kinder gelingen. „Der Spinat fürs Leben schmeckt den Kindern dann auch besser“, sagt jemand. Ich erwachte mit dem Gefühl, tiefschürfende Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (2)

Was geschieht in unseren Träumen? Oft werden wir in unseren Nächten ans Kreuz geschlagen und reißen uns an den Nägeln wund. Am Rand unserer Träume sind wir aber manchmal auch in der Lage, erstaunliche oder komische Definitionen zu finden und in den
Wachzustand zu retten.
Traum im Jahr 2004 (kurz vor dem Erwachen): In einer Bretterbude ringt ein Schauspieler pathetisch die Hände und sagt in sächsischem Idiom: „Dialekt schafft Intellekt.“ Ich erwachte unter meinem eigenen lauten Gelächter.