Sonntag, 10. Mai 2026

Andalusischer Tanz

Jürgen Schwalm: Der Akrobat, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

 Andalusischer Tanz
für Manuel Moreno

Rhythmus aus Staub getrommelt

Wie der Bogen
von gespannter Sehne
den Pfeil entlässt
schlagen die Stiefelabsätze auf
Zurückgestampft und gezüchtigt
wird der Wirbel jäh unterbrochen
und das Opfer beschworen
Die Strenge reizt zur Ekstase
Aber die Hände leugnen die Absicht nie

Sie flattern
locken
fordern
kreisen ein
fassen zu
und haben gesiegt 

 

 

 

Foto: Marina Warnick

 

Sonntag, 26. April 2026

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Jürgen Schwalm: Der Stoff, aus dem die Träume sind, Glasmalerei

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1)

Im September 1997 protokollierte ich sofort nach dem Erwachen
folgenden Traum:
Zwei dicht nebeneinanderstehende Bäume (sie heißen im Schlaf „A-horn“ – mit der Betonung auf „horn“) die sich in den Armen liegen, tauschen mit den Fingerspitzen ihrer Zweige unter einem Laubschirm
(Laubschild) Nachrichten aus. Die Nachrichten sehen wie Nüsse aus.
Die Blätter der Bäume schließen sich um die Nüsse, und wenn sie sich
nach einer Weile wieder öffnen, sind die Nüsse verschwunden, weil sie
verdaut wurden. Ich bin sehr zufrieden, weil ich weiß, dass die Nüsse die Erbmasse sind und dass die Bäume den „Austausch“ im Gegensatz zu den Menschen erstmals nach vierzig Jahren unter dem Schirm (Schild) betreiben, wenn sie genügend Erdbeeren, Erbsen und Eckern
gesammelt haben, damit ihnen bessere Kinder gelingen. „Der Spinat fürs Leben schmeckt den Kindern dann auch besser“, sagt jemand. Ich erwachte mit dem Gefühl, tiefschürfende Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (2)

Was geschieht in unseren Träumen? Oft werden wir in unseren Nächten ans Kreuz geschlagen und reißen uns an den Nägeln wund. Am Rand unserer Träume sind wir aber manchmal auch in der Lage, erstaunliche oder komische Definitionen zu finden und in den
Wachzustand zu retten.
Traum im Jahr 2004 (kurz vor dem Erwachen): In einer Bretterbude ringt ein Schauspieler pathetisch die Hände und sagt in sächsischem Idiom: „Dialekt schafft Intellekt.“ Ich erwachte unter meinem eigenen lauten Gelächter.








Sonntag, 19. April 2026

Arletty

Arletty. Fotosammlung Jürgen Schwalm

Arletty

Wohl keine französische Schauspielerin hat einen derartigen Eindruck auf mich gemacht wie Arletty, die ich erstmals während meines Studiums in Freiburg in dem großartigen Film: „Les Enfants du Paradis“ (Kinder des Olymp) sah.
Klaus Harpprecht schreibt in: „Arletty und ihr deutscher Offizier; Eine Liebe in Zeitendes Krieges“, Fischer, 2011, über Arletty:
Von ihren Filmen und von den Theater- und Revuebühnen kannte das Publikum –nicht anders als die Kollegen und Freunde – ihre provokante Modernität, ihren Witz, ihre Eigenwilligkeit, ihren offen ausgespielten Sexappeal; sie waren mit jener Mischung von Härte und Hingabe vertraut, die ihre Persönlichkeit bestimmte, vielleicht auch mit dem Schatten der Melancholie, der sie gelegentlich streifte, auch wenn sie lachte… Ihr Blick für die Merkwürdigkeiten von Gesicht und Charakter war rasch und genau, in den Jahrzehnten ihrer Theater- und Filmerfahrung geübt, früh geweckt durch das latente Misstrauen des Kindes armer Leute, geschärft durch die ironische Distanz zur Gesellschaft der Reichen und Schönen…
Arletty wurde am 15.5.1898 in Courbevoie geboren. Während des 2. Weltkrieges lernte sie den deutschen Luftwaffenoffizier Hans Jürgen Soehring (geb. 23.7.1908 in Istanbul, gest. 9.10. 1950 im Fluss Kongo) in Paris kennen und lieben. Nach dem Krieg wohnte Soehring in Marquartstein, Prügelweg 6 (Auskunft von Theo Breit, Marquartstein). Er heiratete nach dem Krieg Analisa Pistor und hatte mit ihr zwei Söhne: Oliver und Jan Claudio. Soehring gehörte der „Gruppe 47“ an, verfasste u.a. den 1948 erschienenen Band mit 8 Erzählungen „Cordula“ (1968 nochmals herausgegeben bei Desch, München) und den 1950 bei Fischer /Frankfurt publizierten Roman „Casaducale“, außerdem übersetzte er Charles Lindberghs: „Mein Flug über den Ozean“. Seit 1954 stand er im Dienst des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland; er war Botschafter in der Republik Kongo, wo er bei einem Familienausflug im Kongo ertrank. Arletty war bis zu seinem Tode mit Soehring befreundet und verstand sich auch gut mit seiner Witwe; sie besuchte die Witwe und die Söhne in Bad Godesberg. Arletty erblindete ab 1966, nahm aber weiterhin am künstlerischen Leben in Paris großen Anteil. Sie hat in ca. 60 Filmen mitgewirkt. 1988 feierte sie noch „ganz groß“ ihren 90. Geburtstag. Sie lebte zuletzt im Appartement Nr. 14 in der Rue de Rémusat, 16. Arrondissement, Paris, und starb am 23.7.1992 in Paris. 
 
 
 

Sonntag, 12. April 2026

Sich an etwas erinnern

Jürgen Schwalm, Das Herz aller Dinge, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Sich an etwas erinnern
das man nie sah
aber aus Träumen kannte
lange vor der Geburt

DORT war ich ja schon
in dieser Sonne
in dieser Musik
meerweit
landfern
endgültig als es geschah 

 

 

 

Samstag, 4. April 2026

Altern

Jürgen Schwalm: Flög ich über Land und Meer, Hinterglasmalerei

 

Das Geheimnis eines guten Alters
ist nichts anderes als
ein ehrenhafter Pakt mit der Einsamkeit.


Gabriel García Márquez
Hundert Jahre Einsamkeit (1967) 

 

 

 

 

Freitag, 27. März 2026

An jedem Abend

Jürgen Schwalm: Vision, Glasmalerei über Collage

 

 Jürgen Schwalm

An jedem Abend

Jeden Abend
wenn ich bei dir sein wollte
versank mein Gesicht
in Dunkelheit
Das Licht schien immer nur auf dich

Du aber sprachst für mich
die immer gleichen Worte
doch die Wiederholung
machte sie jeden Abend neu

Licht warst du
dumpf war ich

Da warfst du den ersten Schein auf mich
Ich staunte
Da trafst du mich mit jedem Schein

Ich liebe dich
Ich glaube ich bete
Mein Gesicht bleibt hell