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| Foto: Marina Warnick |
| Jürgen Schwalm: Lübeck, Marienkirche und Dom, Hinterglasmalerei. 2019 |
Jürgen Schwalm
Anton Bruckner – Neunte Sinfonie
…ich streue die Asche grauer Gedanken über die Sternblüten,
und in dunkler Nacht, wenn die Welt mich nicht mehr stören kann,
setz ich Note gegen Note – Punctus contra punctum –
wie ich’s gelernt hab, und diplomiert ist es auch,
das stopf ich dem Brahms in den Hals
und dem HERRN HERRN Wagner leg ich’s untertänigst zu Füßen…
… und wie ich sie schreib, da hör ich sie, die Musik
auf der Orgel in Sankt Florian mit allen Registern,
die ich ziehe, mit großem Orchester,
den Fanfarenschrei der letzten Stunde,
den stampfenden Rhythmus der Höllenmaschinen,
die brausende Himmelfahrt, die jubelnden Himmelschoräle…
… da taste ich im Nebelfall zurück, wo einst der Sonnenwirbel zuckte,
bevor der Sommer starb… ach, meine einsamen Sommer,
meine Herbsttage, in denen die Zeitlose fahlte…
… und nun lausche ich, wie die Totenuhr pocht im Gebälk,
und forme, Wurm, der ich bin,
und dennoch pflichtbewusst in meiner Schwäche,
Takt für Takt und Satz für Satz
mein letztes klingendes Gebet,
das DIR, LIEBER GOTT, GEWIDMET ist …
| Jürgen Schwalm: Die Botschaft, Hinterglasmalerei |
Lassen wir das Pendel weit schwingen zwischen Schmerz und Freude,
auf den Bögen, die es unterm Weinen und Lachen ausschaukelt, kehrt
es immer wieder zurück zum unveräußerlichen ICH. – Aber es gibt sie,die Sternfügung der Resonanz. Und weil das ICH doch nie die Hoffnungverliert, das DU zum Mitschwingen zu bringen, werde ich nie aufhören,zu DIR zu sprechen, an DICH zu schreiben. Denn wir ersehnen, solangewir leben, die Erfüllung unseres Traums, erhoffen uns aus demNebeneinander das Zueinander, das Miteinander -, und wenn auch nurfür Augenblicke.
Jürgen Schwalm in „Zeilen über mich“ (1977)
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| Jürgen Schwalm: Der Akrobat, Hinterglasmalerei |
Jürgen Schwalm
Andalusischer Tanz
für Manuel Moreno
Rhythmus aus Staub getrommelt
Wie der Bogen
von gespannter Sehne
den Pfeil entlässt
schlagen die Stiefelabsätze auf
Zurückgestampft und gezüchtigt
wird der Wirbel jäh unterbrochen
und das Opfer beschworen
Die Strenge reizt zur Ekstase
Aber die Hände leugnen die Absicht nie
Sie flattern
locken
fordern
kreisen ein
fassen zu
und haben gesiegt
| Arletty. Fotosammlung Jürgen Schwalm |
Arletty