Samstag, 21. Februar 2026

Foto: Marina Warnick

 

Am Ende der Straße



 

Jürgen Schwalm: Der Zaun, Hinterglasmalerei


Jürgen Schwalm

Am Ende der Straße

Am Ende der Straße
die letzte Bahn
das müde Licht
das späte Haus
und nach dem Zaun
der Gartenweg
die Amselhecke
die steile Treppe
das alte Zimmer
der schwere Schatten
Du gabst dein Wort
Verlass mich nicht
Und einmal noch
der Vogelruf
in dunkler Nacht
Verrat mich nicht

 

 

 

Samstag, 7. Februar 2026

Arbor vitae

Jürgen Schwalm: Bäume am Ufer, Glasmalerei, 2006

 

Jürgen Schwalm

Arbor vitae

Auf dem Lebensschiff
spannte der Mast
grüne Laubsegel aus
zur glücklichen Reise
Doch die Fahrt
näherte sich dem Ziel
als das erste Blatt
auf meine Schulter fiel
und das Mal bewirkte
das mich verwundbar machte
und jeder Herbst
wirft nun den Speer 

 

 

 

 

Sonntag, 25. Januar 2026

Klabautermann

 

Jürgen Schwalm: 

Der Fliegende Holländer, Collage



 

 

Jürgen Schwalm

Klabautermann

Der Kompass der Narrenschiffsreise 
schlingert zwischen Ost und West 
und Süd und Nord 
und Strich für Strich 
durch alle Hafenkneipen 
wo das Seeemannsgarn 
für die Mädchen gespleißt wird 
bis sich die Balken biegen

Nach acht Glasen 
und hinter dem achten Glas 
hockt hinter Nebel und Rausch 
der Klabautermann 
als Flaschengeist 
tief im Rum

Wer ihn befreit 
mit gezinkten Karten 
bei schaukelnder Lampe 
und schrägen Planken 
den rettet er 
aus dem wütenden Meer 
und nimmt ihn mit 
beim Wellenritt 
zum großen Kapitän da droben
wo die weißen Wolken segeln


 

 

 

Sonntag, 18. Januar 2026

Eine Moritat



Ulrike Schwalm: Stoff-Rosen, 2017, Foto: Jürgen Schwalm




Jürgen Schwalm


Eine Moritat


Als Tante Flora 

nach Sommerrosen duftend 

an einem kalten Winterabend 

über glitzerndes Eis durch den Stadtpark trippelte,

 überfielen sie wütende Krähen.

Ein kläffender Köter 

fand am Morgen 

bei einer kahlen Rosenhecke 

hinter der Ecke 

nur noch Tantchens Perücke, 

ihre Brosche 

und eine Galosche.

Die Polizei war ratlos, 

und selbst Hitchcock hatte keine Lösung parat.

Erst viele Monate später, 

als der warme Sommerwind durch den Stadtpark strich, 

fiel der Rosenhecke 

hinter der Ecke 

der Hergang des Verbrechens 

plötzlich in die Blüten, 

doch der Duft 

verlor sich sofort in der Luft.

Die Krähen hatten ohnehin beraten, 

ihr Geheimnis nie zu verraten. 

Und wie alle Relikte ungesühnter Taten 

verschloss man bei den Asservaten 

Tantchens Brosche,

 die Perücke und auch die Galosche.