Montag, 1. Juni 2026

Foto: Marina Warnick

 

Anton Bruckner - Neunte Sinfonie

Jürgen Schwalm: Lübeck, Marienkirche und Dom, Hinterglasmalerei. 2019

 Jürgen Schwalm

Anton Bruckner – Neunte Sinfonie


…ich streue die Asche grauer Gedanken über die Sternblüten,
und in dunkler Nacht, wenn die Welt mich nicht mehr stören kann,
setz ich Note gegen Note – Punctus contra punctum –
wie ich’s gelernt hab, und diplomiert ist es auch,
das stopf ich dem Brahms in den Hals
und dem HERRN HERRN Wagner leg ich’s untertänigst zu Füßen…

… und wie ich sie schreib, da hör ich sie, die Musik
auf der Orgel in Sankt Florian mit allen Registern,
die ich ziehe, mit großem Orchester,
den Fanfarenschrei der letzten Stunde,
den stampfenden Rhythmus der Höllenmaschinen,
die brausende Himmelfahrt, die jubelnden Himmelschoräle…
 

… da taste ich im Nebelfall zurück, wo einst der Sonnenwirbel zuckte,
bevor der Sommer starb… ach, meine einsamen Sommer,
meine Herbsttage, in denen die Zeitlose fahlte…
… und nun lausche ich, wie die Totenuhr pocht im Gebälk,
und forme, Wurm, der ich bin,
und dennoch pflichtbewusst in meiner Schwäche,

Takt für Takt und Satz für Satz
mein letztes klingendes Gebet,
das DIR, LIEBER GOTT, GEWIDMET ist …

 

 

 

Samstag, 16. Mai 2026

Lassen wir das Pendel weit schwingen...

Jürgen Schwalm: Die Botschaft, Hinterglasmalerei

 

Lassen wir das Pendel weit schwingen zwischen Schmerz und Freude,
auf den Bögen, die es unterm Weinen und Lachen ausschaukelt, kehrt
es immer wieder zurück zum unveräußerlichen ICH. – Aber es gibt sie,die Sternfügung der Resonanz. Und weil das ICH doch nie die Hoffnungverliert, das DU zum Mitschwingen zu bringen, werde ich nie aufhören,zu DIR zu sprechen, an DICH zu schreiben. Denn wir ersehnen, solangewir leben, die Erfüllung unseres Traums, erhoffen uns aus demNebeneinander das Zueinander, das Miteinander -, und wenn auch nurfür Augenblicke.


Jürgen Schwalm in „Zeilen über mich“ (1977)

 


Sonntag, 10. Mai 2026

Andalusischer Tanz

Jürgen Schwalm: Der Akrobat, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

 Andalusischer Tanz
für Manuel Moreno

Rhythmus aus Staub getrommelt

Wie der Bogen
von gespannter Sehne
den Pfeil entlässt
schlagen die Stiefelabsätze auf
Zurückgestampft und gezüchtigt
wird der Wirbel jäh unterbrochen
und das Opfer beschworen
Die Strenge reizt zur Ekstase
Aber die Hände leugnen die Absicht nie

Sie flattern
locken
fordern
kreisen ein
fassen zu
und haben gesiegt 

 

 

 

Sonntag, 26. April 2026

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Jürgen Schwalm: Der Stoff, aus dem die Träume sind, Glasmalerei

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1)

Im September 1997 protokollierte ich sofort nach dem Erwachen
folgenden Traum:
Zwei dicht nebeneinanderstehende Bäume (sie heißen im Schlaf „A-horn“ – mit der Betonung auf „horn“) die sich in den Armen liegen, tauschen mit den Fingerspitzen ihrer Zweige unter einem Laubschirm
(Laubschild) Nachrichten aus. Die Nachrichten sehen wie Nüsse aus.
Die Blätter der Bäume schließen sich um die Nüsse, und wenn sie sich
nach einer Weile wieder öffnen, sind die Nüsse verschwunden, weil sie
verdaut wurden. Ich bin sehr zufrieden, weil ich weiß, dass die Nüsse die Erbmasse sind und dass die Bäume den „Austausch“ im Gegensatz zu den Menschen erstmals nach vierzig Jahren unter dem Schirm (Schild) betreiben, wenn sie genügend Erdbeeren, Erbsen und Eckern
gesammelt haben, damit ihnen bessere Kinder gelingen. „Der Spinat fürs Leben schmeckt den Kindern dann auch besser“, sagt jemand. Ich erwachte mit dem Gefühl, tiefschürfende Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Jürgen Schwalm

Der Stoff, aus dem die Träume sind (2)

Was geschieht in unseren Träumen? Oft werden wir in unseren Nächten ans Kreuz geschlagen und reißen uns an den Nägeln wund. Am Rand unserer Träume sind wir aber manchmal auch in der Lage, erstaunliche oder komische Definitionen zu finden und in den
Wachzustand zu retten.
Traum im Jahr 2004 (kurz vor dem Erwachen): In einer Bretterbude ringt ein Schauspieler pathetisch die Hände und sagt in sächsischem Idiom: „Dialekt schafft Intellekt.“ Ich erwachte unter meinem eigenen lauten Gelächter.








Sonntag, 19. April 2026

Arletty

Arletty. Fotosammlung Jürgen Schwalm

Arletty

Wohl keine französische Schauspielerin hat einen derartigen Eindruck auf mich gemacht wie Arletty, die ich erstmals während meines Studiums in Freiburg in dem großartigen Film: „Les Enfants du Paradis“ (Kinder des Olymp) sah.
Klaus Harpprecht schreibt in: „Arletty und ihr deutscher Offizier; Eine Liebe in Zeitendes Krieges“, Fischer, 2011, über Arletty:
Von ihren Filmen und von den Theater- und Revuebühnen kannte das Publikum –nicht anders als die Kollegen und Freunde – ihre provokante Modernität, ihren Witz, ihre Eigenwilligkeit, ihren offen ausgespielten Sexappeal; sie waren mit jener Mischung von Härte und Hingabe vertraut, die ihre Persönlichkeit bestimmte, vielleicht auch mit dem Schatten der Melancholie, der sie gelegentlich streifte, auch wenn sie lachte… Ihr Blick für die Merkwürdigkeiten von Gesicht und Charakter war rasch und genau, in den Jahrzehnten ihrer Theater- und Filmerfahrung geübt, früh geweckt durch das latente Misstrauen des Kindes armer Leute, geschärft durch die ironische Distanz zur Gesellschaft der Reichen und Schönen…
Arletty wurde am 15.5.1898 in Courbevoie geboren. Während des 2. Weltkrieges lernte sie den deutschen Luftwaffenoffizier Hans Jürgen Soehring (geb. 23.7.1908 in Istanbul, gest. 9.10. 1950 im Fluss Kongo) in Paris kennen und lieben. Nach dem Krieg wohnte Soehring in Marquartstein, Prügelweg 6 (Auskunft von Theo Breit, Marquartstein). Er heiratete nach dem Krieg Analisa Pistor und hatte mit ihr zwei Söhne: Oliver und Jan Claudio. Soehring gehörte der „Gruppe 47“ an, verfasste u.a. den 1948 erschienenen Band mit 8 Erzählungen „Cordula“ (1968 nochmals herausgegeben bei Desch, München) und den 1950 bei Fischer /Frankfurt publizierten Roman „Casaducale“, außerdem übersetzte er Charles Lindberghs: „Mein Flug über den Ozean“. Seit 1954 stand er im Dienst des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland; er war Botschafter in der Republik Kongo, wo er bei einem Familienausflug im Kongo ertrank. Arletty war bis zu seinem Tode mit Soehring befreundet und verstand sich auch gut mit seiner Witwe; sie besuchte die Witwe und die Söhne in Bad Godesberg. Arletty erblindete ab 1966, nahm aber weiterhin am künstlerischen Leben in Paris großen Anteil. Sie hat in ca. 60 Filmen mitgewirkt. 1988 feierte sie noch „ganz groß“ ihren 90. Geburtstag. Sie lebte zuletzt im Appartement Nr. 14 in der Rue de Rémusat, 16. Arrondissement, Paris, und starb am 23.7.1992 in Paris. 
 
 
 

Sonntag, 12. April 2026

Sich an etwas erinnern

Jürgen Schwalm, Das Herz aller Dinge, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Sich an etwas erinnern
das man nie sah
aber aus Träumen kannte
lange vor der Geburt

DORT war ich ja schon
in dieser Sonne
in dieser Musik
meerweit
landfern
endgültig als es geschah 

 

 

 

Samstag, 4. April 2026

Altern

Jürgen Schwalm: Flög ich über Land und Meer, Hinterglasmalerei

 

Das Geheimnis eines guten Alters
ist nichts anderes als
ein ehrenhafter Pakt mit der Einsamkeit.


Gabriel García Márquez
Hundert Jahre Einsamkeit (1967) 

 

 

 

 

Freitag, 27. März 2026

An jedem Abend

Jürgen Schwalm: Vision, Glasmalerei über Collage

 

 Jürgen Schwalm

An jedem Abend

Jeden Abend
wenn ich bei dir sein wollte
versank mein Gesicht
in Dunkelheit
Das Licht schien immer nur auf dich

Du aber sprachst für mich
die immer gleichen Worte
doch die Wiederholung
machte sie jeden Abend neu

Licht warst du
dumpf war ich

Da warfst du den ersten Schein auf mich
Ich staunte
Da trafst du mich mit jedem Schein

Ich liebe dich
Ich glaube ich bete
Mein Gesicht bleibt hell 

 

 

 

Sonntag, 22. März 2026

Es droht ein Gewitter

Jürgen Schwalm: Farbenflut, Hinterglasmalerei

 

Jürgen Schwalm

Es droht ein Gewitter

Da kann der Frühling im Garten noch so sehr seine Harmonika
quetschen. Alle Töne haben es schwerer als die Farbenflut, die schon
am Morgen alle Beete überschwemmt, in der die Blütenknöpfe
aufplatzen möchten; doch der Dirigent im Himmel unterbricht die
Inszenierung, bevor das Gewitter zuschlagen kann. 

 

 

 

Sonntag, 8. März 2026

Du scheues Reh am Waldessaum


 Jürgen Schwalm

Du scheues Reh am Waldessaum
Kommentare zum Kitsch
(Auszüge aus dem Essay)


…Woher kommt denn überhaupt das Wort Kitsch, das man nahezu im gesamten
europäischen Sprachraum kennt? Zunächst denkt man, es könnte englischer
Herkunft sein. Dabei soll natürlich nicht behauptet werden, dass die Engländer mehr
Kitsch produzieren als andere Nationen. Nur: das Wort klingt halt so, als ob es von
kitchen käme. Kitsch in the kitchen. Doch wir wollen die englische Küche nicht
schlechter machen, als sie ohnehin schon ist.
Zitieren wir die Etymologen. Sie deuten das Wort und das davon abgeleitete Adjektiv
kitschig mundartlich. Es sei erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
bezeugt.
Was hat man denn vorher zum Kitsch gesagt? Ich kenne kein gleichwertiges Wort.
In Deutschland sprach man zur Goethezeit von Ungeschmack. Jüngst wurde auch in
einer Kitsch-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe das Wort
wieder aufgegriffen und der Ungeschmack in der Produktkultur mit bösen Dingen
demonstriert. Aber der Ausdruck trifft doch nicht den Kern. Über Geschmack lässt
sich bekanntlich trefflich streiten und das im ursprünglichen Wortsinn: der eine
goutiert lippenleckend das Menü, das in der Alchimistenküche des Kitsches
zusammengerührt wurde, und der andere bezeichnet es als ungenießbar oder
geschmacklos.
Wenn auch früher eine treffende Bezeichnung fehlte: Kitsch gibt es doch schon von
jeher. Er kroch mit der Kunst aus dem Ei. Man denke nur an die antiken
Devotionalien. Die Archäologen hören das nicht so gerne. Es könnte so manchen
Fund anrüchig machen und abwerten.
Mein alter Brockhaus aus dem Jahre 1894 kennt nur den Kitschbaum, soviel wie
Traubenkirsche, eine Prunusart. Da hilft uns also selbst die Botanik nicht weiter, die
doch sonst von altersher unermüdlich herangezogen wurde, wenn es galt,
Aufklärung zu betreiben, unter anderem mit der Vorgang der Bestäubung. Allerdings
sieht man jedes Jahr zu Weihnachten die schönsten Kitschbäume…
…Dem Kitsch liegt nichts daran, analysiert und kritisiert zu werden, weil er Angst hat,
sich lächerlich zu machen, und der Kitsch nimmt sich meist sehr, sehr ernst.
Es ist ja eigentlich kein Wunder, dass kaum einer wagt, eine Definition für Kitsch
abzuliefern. Wer möchte es schon mit den vielen empörten Gartenzwergen
aufnehmen, die dann mit geschultertem Spaten wütende Aufstände anzetteln
würden? Wer möchte Beleidigungsklagen von Zipfelmützenträgern provozieren? Und
außerdem: Wer möchte in diesem Zusammenhang denn das Bibelzitat von dem
hören, der ohne Sünde ist und den ersten Stein wirft?
Der Kitsch lässt sich eben nicht definieren wie der Pfannekuchen als gebratene
Mehlspeise. Er kann allenfalls kommentiert werden, und jeder Kommentar ist
subjektiv…
…Kitsch will nun einmal ubiquitär sein. Darum ergießt er seine rosa Soße über alle
Lebensbereiche und duldet da keine Ausnahmen. Was gut und schön, nimmt unter
seinem Überschwang ein prachtvolles Ende.
Sämtliche Sparten der Literatur, das weite Feld der bildenden Kunst, die Musik, der
Film, das Fernsehen, die Mode, die Werbung, die Religionen und Ideologien, die
Politik, die Erotik, die Erinnerungen, die uns lieb und teuer sind, alles kann mit den
künstlichen Rosen des Kitsches geschmückt werden…

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…Kehren wir zurück zur Etymologie des Wortes Kitsch.
Das Verb kitschen soll streichen, schmieren, zusammenscharren, entlang streichen,
rutschen und flitzen können. Kann es auch flutschen?
Ich meine: das muss man dem Kitsch lassen: er flutscht. Er kommt schnell voran. Er
flutscht oft wie Cremetorte durch die Kehle, bloß: nachher kann man Bauchweh
bekommen.
Kitsch schmiert und lässt sich verschmieren. Im Schwedischen wird der
Zusammenhang noch deutlicher. Smörja bedeutet da schmieren, aber auch Kitsch
und Schund. Und smör ist die mit dem Wort Schmer verwandte Butter. Man kann
smör in der kitchen auf ein Sandwich kitschen…
…Als ich den wunderbaren Roman „Die Schaukel“ der deutsch-französischen
Schriftstellerin Annette Kolb las, entdeckte ich das ominöse Wort Kitsch in einem
noch ganz anderen Zusammenhang: Da verkitscht ein Münchner Mädchen ihren
Wintermantel, um das Eintrittsbillett für einen Gastauftritt der Duse bezahlen zu
können. Mein bayrischer Freund, der Autor Armin Jüngling, klärte mich auf: das Wort
verkitschen ist jiddisch und bedeutet hier so viel wie verhökern…
…Wer Kitsch als Scheinkunst bezeichnet, trifft das Übel gar nicht schlecht. Denn
Kitsch will immer mehr scheinen als er sein kann. Zum Kitsch gehört die Opulenz der
Verpackung. Das simple Sein genügt nicht mehr dem dekorativen Anliegen.
Denn Kunst-Kitsch soll mit seiner Überflüssigkeit und Nutzlosigkeit die Erbärmlichkeit
des Lebens vergessen lassen.
Das Makart-Bouquet , das in der Gründerzeit auf verschnörkelten Beistelltischchen
und in imitierten China-Vasen Pfauenwedel und Wachsrosen zu prachtvollen Dekors
arrangierte, verwelkte nie. Es verstaubt unter der Bezeichnung Trockenstrauß auch
heute weiter.
Man kann Kitsch sogar potenzieren. Künstliche Tulpen bekommen dann zum
Beispiel zusätzlich noch elektrische Lämpchen in die Blütenkronen montiert. Diese
falschen Tulpen leuchten, ohne zu beleuchten. Aber immerhin: die Scheinkunst
scheint…
…In allen Essays und Analysen zu Fragen des Kitsches wird ein ganz
entscheidender Faktor nie ausreichend abgehandelt: Die Erscheinungsformen des
Kitsches sind durchaus zeitbezogen und zeitabhängig.
Kitsch ist in besonderem Ausmaß auch Ausfluss des Lebensgefühls und der
Lebenseinstellung einer Epoche. Will sich dieses Gefühl in die Kunst ergießen, kann
Kitsch entstehen. Jede Zeit hat überwertete Lebensinhalte, von ihnen droht der
Kitsch…
…Ob etwas als Kitsch empfunden wurde oder wird, ist nicht nur eine Frage der Zeit,
sondern auch der Bildungsstufe…
…Damit sind wir beim Stichwort Verkitschen. Verkitschen ist die Nachahmung mit
nicht werkgerechtem Material.
Ich sage nur: Kunststoff, Plastik. Neuerdings wird auch wieder mehr Gips verwendet,
weil er als umweltfreundlicher propagiert wird. Gips ist ein von jeher beliebter
Schlackermatsch für Repliken… Man mag sagen: Einen Gipskopf von Schiller oder
Goethe auf das Regal zu stellen, ist besser als gar kein Buch zu besitzen. Oder den
Papst als Gipskopf von einer Pilgerreise aus Rom mitzuschleppen, ist besser als gar
keine Andacht.
Zucker übertrifft allerdings alle Materialien. Mozart, vom Zuckerbäcker geformt,
macht seine Melodien zum Anbeißen süß! …
…Nach Ansicht mancher Arrangeure flutscht Mozarts Musik noch viel besser, wenn
man sie aufbereitet genießt: vom Schlagzeug zu Schlagobers geschlagen, mit
Saxophonen cremig gedudelt und in Rokoko-Kostümen zum Dessert serviert. André

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Rieux hat in dieser Dekoration schon viele Herzen wundgefiedelt. Und Liberace,
dieser King of Kitsch, traktierte sein Klavier einst bei Kerzenschein so köstlich, dass
man sein parfümiertes Leben sogar verfilmte.
Am vergnüglichsten wird es, wenn Wort und Musik gleich kitschig sind. Ganghofers
Lolo ist mit Franz Lehárs (1870-1948) Waldmägdelein ganz nah verwandt, und der
Fürst von Ettingen gleicht dem jungen Jägersmann im noch immer viel gesungenen
Vilja-Lied wie eine Ankleidepuppe der anderen:

Und ein nie gekannter Schauer
fasst den jungen Jägersmann,
sehnsuchtsvoll fing er still zu seufzen an:
Vilja, o Vilja, du Waldmägdelein,
fass mich und lass mich dein Trautliebster sein,
Vilja, o Vilja, was tust du mir an?
Bang fleht ein liebkranker Mann.


Bevor ich ein kitschkranker Mann werde, schließe ich meine Betrachtung. Ich muss
hier ganz konsequent ein Ende setzen, denn der Kitsch hört nicht auf, mich mit
weiteren Beispielen zu beliefern. Kitsch hört überhaupt nimmer auf.
Er ist, ich sagte es schon, unendlich und unsterblich.
Bevor ich den Vorhang zusammenschlage, wage ich doch noch eine finale Definition:
Kitsch ist eine globale, therapiesesistente Seuche, die ein berauschendes Gift
produziert, das den Verstand lähmt. Kitsch erzeugt den Wahn, man hätte das
grenzenlose himmlische Paradies schon auf Erden gefunden, während man sich in
Wirklichkeit weiterhin nach wie vor nur in der eigenen, eng eingezäunten
Gartenparzelle herumsuhlt.
Der Ring hat sich geschlossen, das Schicksal hat mich wieder in die Gartenlaube
verschlagen.
Dort falte sich, von Zwergen bewacht, ergeben und fromm die Hände. Es liegt alles in
Kitsches Macht.

 
(der Essay steht ungekürzt in: Jürgen Schwalm, Wort und Bild und Kunst und Leben,
Einfälle zu Vorfällen, Seemann Publishing 2021)

 

 

 

 

 

Samstag, 21. Februar 2026

Am Ende der Straße



 

Jürgen Schwalm: Der Zaun, Hinterglasmalerei


Jürgen Schwalm

Am Ende der Straße

Am Ende der Straße
die letzte Bahn
das müde Licht
das späte Haus
und nach dem Zaun
der Gartenweg
die Amselhecke
die steile Treppe
das alte Zimmer
der schwere Schatten
Du gabst dein Wort
Verlass mich nicht
Und einmal noch
der Vogelruf
in dunkler Nacht
Verrat mich nicht

 

 

 

Samstag, 7. Februar 2026

Arbor vitae

Jürgen Schwalm: Bäume am Ufer, Glasmalerei, 2006

 

Jürgen Schwalm

Arbor vitae

Auf dem Lebensschiff
spannte der Mast
grüne Laubsegel aus
zur glücklichen Reise
Doch die Fahrt
näherte sich dem Ziel
als das erste Blatt
auf meine Schulter fiel
und das Mal bewirkte
das mich verwundbar machte
und jeder Herbst
wirft nun den Speer 

 

 

 

 

Sonntag, 25. Januar 2026

Klabautermann

 

Jürgen Schwalm: 

Der Fliegende Holländer, Collage



 

 

Jürgen Schwalm

Klabautermann

Der Kompass der Narrenschiffsreise 
schlingert zwischen Ost und West 
und Süd und Nord 
und Strich für Strich 
durch alle Hafenkneipen 
wo das Seeemannsgarn 
für die Mädchen gespleißt wird 
bis sich die Balken biegen

Nach acht Glasen 
und hinter dem achten Glas 
hockt hinter Nebel und Rausch 
der Klabautermann 
als Flaschengeist 
tief im Rum

Wer ihn befreit 
mit gezinkten Karten 
bei schaukelnder Lampe 
und schrägen Planken 
den rettet er 
aus dem wütenden Meer 
und nimmt ihn mit 
beim Wellenritt 
zum großen Kapitän da droben
wo die weißen Wolken segeln


 

 

 

Sonntag, 18. Januar 2026

Eine Moritat



Ulrike Schwalm: Stoff-Rosen, 2017, Foto: Jürgen Schwalm




Jürgen Schwalm


Eine Moritat


Als Tante Flora 

nach Sommerrosen duftend 

an einem kalten Winterabend 

über glitzerndes Eis durch den Stadtpark trippelte,

 überfielen sie wütende Krähen.

Ein kläffender Köter 

fand am Morgen 

bei einer kahlen Rosenhecke 

hinter der Ecke 

nur noch Tantchens Perücke, 

ihre Brosche 

und eine Galosche.

Die Polizei war ratlos, 

und selbst Hitchcock hatte keine Lösung parat.

Erst viele Monate später, 

als der warme Sommerwind durch den Stadtpark strich, 

fiel der Rosenhecke 

hinter der Ecke 

der Hergang des Verbrechens 

plötzlich in die Blüten, 

doch der Duft 

verlor sich sofort in der Luft.

Die Krähen hatten ohnehin beraten, 

ihr Geheimnis nie zu verraten. 

Und wie alle Relikte ungesühnter Taten 

verschloss man bei den Asservaten 

Tantchens Brosche,

 die Perücke und auch die Galosche.