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| Foto: Marina Warnick |
| Jürgen Schwalm: Das Konzert der Rosen, Foto |
Das Überraschungsphänomen der Wiederentdeckungen. Es ist immer noch möglich, dass längst verloren Geglaubtes auftaucht. Im Nachlassverzeichnis Johann Sebastian Bachs von 1750 wird die dreibändige, von Johann Abraham Calovius kommentierte Bibelausgabe Luthers von 1681 aufgeführt. Das Exemplar galt als verloren, aber „habent sua fata libelli“, wie Terentius Maurus sagte. 1969 wurde das Buch erstaunlicherweise in einer amerikanischen Bibliothek wiedergefunden. Es trägt den eigenhändigen Besitzvermerk Bachs
JSBach 1733
und somit blieb als einziges im Nachlass erwähntes Werk wenigstens Bachs Bibel erhalten. Welch großer Trost, dass nicht doch alle Bücher am Ende zum Einwickeln von Heringen zerrissen, in den Ofen gestopft oder als Tapetenunterlage verkleistert wurden, denn das war nicht so selten ihr Schicksal. Den Fund der Bibel verdanken wir Christoph Trautmann, der darüber Studien publizierte. Das Exemplar ist deswegen für die Forschung so wertvoll, weil Bach es mit Eintragungen und Unterstreichungen versah. Die schönste Randbemerkung machte Bach im 2. Buch der Chronik Kapitel 5 bei Vers 13 Und es war, als wäre es einer, der drommetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und da die Stimme sich erhob von den Drommeten, Zimbeln und Saitenspielen und von dem Loben des Herrn, daß er gütig ist und seine Barmherzigkeit ewig währet, da ward das Haus des Herrn erfüllt mit einer Wolke.
Bach schrieb daneben:
Bey einer andächtig Musig ist allzeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.
Diesen Ausspruch hat Karl Geiringer in seinem Buch „Johann Sebastian Bach“ (Beck-Verlag München 1971) der Werkbeschreibung vorangestellt.
. Jürgen Schwalm
| Jürgen Schwalm: Die Urzelle, Hinterglasmalerei, 2014 |
Jürgen Schwalm
Dieterich Buxtehude
Die Flut der Klänge
drängt zum Gewölbe
Sankt Marien erwacht
Der Lübecker Meister spielt
Die Register sind gezogen
Dem Bälgetreter wird warm
denn viel Luft wird gebraucht
bei jedem großen Werk des Organisten
organo pleno
Dieterich Buxtehude
hat die Feder eingetaucht
und die Noten sprießen lassen
hat sie behängt
mit dem Flittergold prunkvoller Verzierungen
und dem Rankenwerk gravitätischer Verneigungen
hat sich gebeugt vor Gottes Wort
ganz tief und gehorsam
hat den behördlichen Verordnungswust ertragen
in der kärglichen Kammer im Werkhaus
durch das der Küchendunst wabert
der musenfeindliche Kohlgeruch
im Alltagskampf
wo ihm der Ärger mit der Bauverwaltung
den Hals abdrückt
die Sorge um den Nachfolger
und um seine Tochter natürlich auch
Unbeirrt setzt er immer wieder
Note gegen Note
bis zum Finis operis
lässt die Regenschauer der Präludien
niederprasseln
arrangiert die Jagd der Fugen
durch den sommerlichen Wald
jugendlicher Erinnerungen
und hofft
dass dieser kostbarste Schatz
bis zum letzten Tutti bleibt
Am End war nur noch Klang was da geschah
und führte ihn vom E ins H
| Jürgen Schwalm: Der Neubeginn, Hinterglasmalerei |
Jürgen Schwalm
Aufbruch
Immer wieder dieser Verrat
und die verlöschende Flamme,
die Pläne von einst
und die abgelegten Träume.
Ich war auf vielen falschen Wegen,
aber ich wage es trotzdem,
nochmals aufzubrechen,
wohin das Licht und der weite Horizont mich rufen,
damit ich mich im Ziel erkenne.
Wie hinter mir die Nacht versinkt,
liegt vor mir ausgerollt der Raum,
und schließlich siegt das grenzenlose Staunen.
| Jürgen Schwalm: Bäume am Fluss, Glasmalerei |
Jürgen Schwalm
Chanson
Am Uferweg
Erwart’ ich dich
Unter der Brücke
Wo die Laternen
Im Nebelkleid stehn
Ich seh dich schon
Im Lichtgeflirr und feuchten Hauch
Ich heb’ die Hand
Du rufst mir zu
Gleich bist du da
Am Uferweg
Unter der Brücke
Wo die Laternen
Im Nebelkleid stehn
Drei Schritte noch
Jetzt bist du da
Der Fluss wird still
Die Zeit hält an
Am Uferweg
Unter der Brücke
Versinkt für uns die Nacht
Und du bleibst Kuss um Kuss
Mir nah
| Jürgen Schwalm: Ewige Blüte, Hinterglasmalerei |
Jürgen Schwalm
Avant de mourir*
Nächtliche Tangoschritte
Liebevolle Erinnerungen
auf den Saiten der Violine verhaucht
Könnte mich als letztes Geschenk
diese Melodie
den jähen Abschied von dir
vergessen lassen
Würden diese schlichten Klänge
wenn ich dich
wo auch immer
wiedergefunden hätte
unseren Begrüßungskuss begleiten
dann bäte ich das Lied
weiter mit uns zu tanzen
über den Tod hinaus
*Tango von Georges Boulanger (1893-1958)
Das Gedicht steht in dem Lyrik-Band von
Jürgen Schwalm: Arm in Arm und Wort für Wort
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| Jürgen Schwalm: An einem Sommertag um halb zwölf; Hinterglasmalerei |
Jürgen Schwalm
Gartenlust
Viele Religionen beginnen mit und in einem Garten und enden mit der Sehnsucht
ihrer Anhänger, in diesen ersten Garten heimkehren zu dürfen. Freilich: Die Pforten
vor allen Paradiesen sind meist verschlossen oder zu eng. Aber wir Weltenwanderer
sollten die Hoffnung nie aufgeben. Denn warum sollte das, was in einem Garten
verloren ging, denn schließlich in einer Gartenlust nicht wieder eingelöst werden
können?
(aus: Jürgen Schwalm: „Der Lebensbaum“, Betrachtungen)
| Jürgen Schwalm: Das Geheimnis der Bastet. 2013 |
Jürgen Schwalm
Bastet
Altägyptische Erinnerung
Aus der Tünche der Pharaonenjahre, den unverblichen Sedimenten
einstiger Nilsommer, löst du dein gemaltes Profil, erinnerst die
Gefolgschaft der Katzen wieder an die strenge Eleganz deiner
Inszenierungen.
Deine Träume, Königin-Göttin, sträuben dein Fell. Unter dem Baldachin der Papyrosschirme sammelt dein samten-graziöser Schritt wieder die alten Würden ein.
Du schiebst das Muster deiner Ornate auf mich zu, ordnest die
Weichheit deiner Haare um mich her, aber die Lanzen deiner Krallen
impfen mich mit Schlägen, treiben mich in deinen Blick und durch die
Iristore in deine Tempelstadt, tief nach unten, zum Blutopfer im
steinernen Verlies.
(aus: Archaische Träume)
| Jürgen Schwalm: Lübeck, Marienkirche und Dom, Hinterglasmalerei. 2019 |
Jürgen Schwalm
Anton Bruckner – Neunte Sinfonie
…ich streue die Asche grauer Gedanken über die Sternblüten,
und in dunkler Nacht, wenn die Welt mich nicht mehr stören kann,
setz ich Note gegen Note – Punctus contra punctum –
wie ich’s gelernt hab, und diplomiert ist es auch,
das stopf ich dem Brahms in den Hals
und dem HERRN HERRN Wagner leg ich’s untertänigst zu Füßen…
… und wie ich sie schreib, da hör ich sie, die Musik
auf der Orgel in Sankt Florian mit allen Registern,
die ich ziehe, mit großem Orchester,
den Fanfarenschrei der letzten Stunde,
den stampfenden Rhythmus der Höllenmaschinen,
die brausende Himmelfahrt, die jubelnden Himmelschoräle…
… da taste ich im Nebelfall zurück, wo einst der Sonnenwirbel zuckte,
bevor der Sommer starb… ach, meine einsamen Sommer,
meine Herbsttage, in denen die Zeitlose fahlte…
… und nun lausche ich, wie die Totenuhr pocht im Gebälk,
und forme, Wurm, der ich bin,
und dennoch pflichtbewusst in meiner Schwäche,
Takt für Takt und Satz für Satz
mein letztes klingendes Gebet,
das DIR, LIEBER GOTT, GEWIDMET ist …
| Jürgen Schwalm: Die Botschaft, Hinterglasmalerei |
Lassen wir das Pendel weit schwingen zwischen Schmerz und Freude,
auf den Bögen, die es unterm Weinen und Lachen ausschaukelt, kehrt
es immer wieder zurück zum unveräußerlichen ICH. – Aber es gibt sie,die Sternfügung der Resonanz. Und weil das ICH doch nie die Hoffnungverliert, das DU zum Mitschwingen zu bringen, werde ich nie aufhören,zu DIR zu sprechen, an DICH zu schreiben. Denn wir ersehnen, solangewir leben, die Erfüllung unseres Traums, erhoffen uns aus demNebeneinander das Zueinander, das Miteinander -, und wenn auch nurfür Augenblicke.
Jürgen Schwalm in „Zeilen über mich“ (1977)
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| Jürgen Schwalm: Der Akrobat, Hinterglasmalerei |
Jürgen Schwalm
Andalusischer Tanz
für Manuel Moreno
Rhythmus aus Staub getrommelt
Wie der Bogen
von gespannter Sehne
den Pfeil entlässt
schlagen die Stiefelabsätze auf
Zurückgestampft und gezüchtigt
wird der Wirbel jäh unterbrochen
und das Opfer beschworen
Die Strenge reizt zur Ekstase
Aber die Hände leugnen die Absicht nie
Sie flattern
locken
fordern
kreisen ein
fassen zu
und haben gesiegt
| Arletty. Fotosammlung Jürgen Schwalm |
Arletty
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| Jürgen Schwalm: Vision, Glasmalerei über Collage |
Jürgen Schwalm
An jedem Abend
Jeden Abend
wenn ich bei dir sein wollte
versank mein Gesicht
in Dunkelheit
Das Licht schien immer nur auf dich
Du aber sprachst für mich
die immer gleichen Worte
doch die Wiederholung
machte sie jeden Abend neu
Licht warst du
dumpf war ich
Da warfst du den ersten Schein auf mich
Ich staunte
Da trafst du mich mit jedem Schein
Ich liebe dich
Ich glaube ich bete
Mein Gesicht bleibt hell
| Jürgen Schwalm: Farbenflut, Hinterglasmalerei |
Jürgen Schwalm
Es droht ein Gewitter
Da kann der Frühling im Garten noch so sehr seine Harmonika
quetschen. Alle Töne haben es schwerer als die Farbenflut, die schon
am Morgen alle Beete überschwemmt, in der die Blütenknöpfe
aufplatzen möchten; doch der Dirigent im Himmel unterbricht die
Inszenierung, bevor das Gewitter zuschlagen kann.
Jürgen Schwalm
Du scheues Reh am Waldessaum
Kommentare zum Kitsch
(Auszüge aus dem Essay)
…Woher kommt denn überhaupt das Wort Kitsch, das man nahezu im gesamten
europäischen Sprachraum kennt? Zunächst denkt man, es könnte englischer
Herkunft sein. Dabei soll natürlich nicht behauptet werden, dass die Engländer mehr
Kitsch produzieren als andere Nationen. Nur: das Wort klingt halt so, als ob es von
kitchen käme. Kitsch in the kitchen. Doch wir wollen die englische Küche nicht
schlechter machen, als sie ohnehin schon ist.
Zitieren wir die Etymologen. Sie deuten das Wort und das davon abgeleitete Adjektiv
kitschig mundartlich. Es sei erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
bezeugt.
Was hat man denn vorher zum Kitsch gesagt? Ich kenne kein gleichwertiges Wort.
In Deutschland sprach man zur Goethezeit von Ungeschmack. Jüngst wurde auch in
einer Kitsch-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe das Wort
wieder aufgegriffen und der Ungeschmack in der Produktkultur mit bösen Dingen
demonstriert. Aber der Ausdruck trifft doch nicht den Kern. Über Geschmack lässt
sich bekanntlich trefflich streiten und das im ursprünglichen Wortsinn: der eine
goutiert lippenleckend das Menü, das in der Alchimistenküche des Kitsches
zusammengerührt wurde, und der andere bezeichnet es als ungenießbar oder
geschmacklos.
Wenn auch früher eine treffende Bezeichnung fehlte: Kitsch gibt es doch schon von
jeher. Er kroch mit der Kunst aus dem Ei. Man denke nur an die antiken
Devotionalien. Die Archäologen hören das nicht so gerne. Es könnte so manchen
Fund anrüchig machen und abwerten.
Mein alter Brockhaus aus dem Jahre 1894 kennt nur den Kitschbaum, soviel wie
Traubenkirsche, eine Prunusart. Da hilft uns also selbst die Botanik nicht weiter, die
doch sonst von altersher unermüdlich herangezogen wurde, wenn es galt,
Aufklärung zu betreiben, unter anderem mit der Vorgang der Bestäubung. Allerdings
sieht man jedes Jahr zu Weihnachten die schönsten Kitschbäume…
…Dem Kitsch liegt nichts daran, analysiert und kritisiert zu werden, weil er Angst hat,
sich lächerlich zu machen, und der Kitsch nimmt sich meist sehr, sehr ernst.
Es ist ja eigentlich kein Wunder, dass kaum einer wagt, eine Definition für Kitsch
abzuliefern. Wer möchte es schon mit den vielen empörten Gartenzwergen
aufnehmen, die dann mit geschultertem Spaten wütende Aufstände anzetteln
würden? Wer möchte Beleidigungsklagen von Zipfelmützenträgern provozieren? Und
außerdem: Wer möchte in diesem Zusammenhang denn das Bibelzitat von dem
hören, der ohne Sünde ist und den ersten Stein wirft?
Der Kitsch lässt sich eben nicht definieren wie der Pfannekuchen als gebratene
Mehlspeise. Er kann allenfalls kommentiert werden, und jeder Kommentar ist
subjektiv…
…Kitsch will nun einmal ubiquitär sein. Darum ergießt er seine rosa Soße über alle
Lebensbereiche und duldet da keine Ausnahmen. Was gut und schön, nimmt unter
seinem Überschwang ein prachtvolles Ende.
Sämtliche Sparten der Literatur, das weite Feld der bildenden Kunst, die Musik, der
Film, das Fernsehen, die Mode, die Werbung, die Religionen und Ideologien, die
Politik, die Erotik, die Erinnerungen, die uns lieb und teuer sind, alles kann mit den
künstlichen Rosen des Kitsches geschmückt werden…
2
…Kehren wir zurück zur Etymologie des Wortes Kitsch.
Das Verb kitschen soll streichen, schmieren, zusammenscharren, entlang streichen,
rutschen und flitzen können. Kann es auch flutschen?
Ich meine: das muss man dem Kitsch lassen: er flutscht. Er kommt schnell voran. Er
flutscht oft wie Cremetorte durch die Kehle, bloß: nachher kann man Bauchweh
bekommen.
Kitsch schmiert und lässt sich verschmieren. Im Schwedischen wird der
Zusammenhang noch deutlicher. Smörja bedeutet da schmieren, aber auch Kitsch
und Schund. Und smör ist die mit dem Wort Schmer verwandte Butter. Man kann
smör in der kitchen auf ein Sandwich kitschen…
…Als ich den wunderbaren Roman „Die Schaukel“ der deutsch-französischen
Schriftstellerin Annette Kolb las, entdeckte ich das ominöse Wort Kitsch in einem
noch ganz anderen Zusammenhang: Da verkitscht ein Münchner Mädchen ihren
Wintermantel, um das Eintrittsbillett für einen Gastauftritt der Duse bezahlen zu
können. Mein bayrischer Freund, der Autor Armin Jüngling, klärte mich auf: das Wort
verkitschen ist jiddisch und bedeutet hier so viel wie verhökern…
…Wer Kitsch als Scheinkunst bezeichnet, trifft das Übel gar nicht schlecht. Denn
Kitsch will immer mehr scheinen als er sein kann. Zum Kitsch gehört die Opulenz der
Verpackung. Das simple Sein genügt nicht mehr dem dekorativen Anliegen.
Denn Kunst-Kitsch soll mit seiner Überflüssigkeit und Nutzlosigkeit die Erbärmlichkeit
des Lebens vergessen lassen.
Das Makart-Bouquet , das in der Gründerzeit auf verschnörkelten Beistelltischchen
und in imitierten China-Vasen Pfauenwedel und Wachsrosen zu prachtvollen Dekors
arrangierte, verwelkte nie. Es verstaubt unter der Bezeichnung Trockenstrauß auch
heute weiter.
Man kann Kitsch sogar potenzieren. Künstliche Tulpen bekommen dann zum
Beispiel zusätzlich noch elektrische Lämpchen in die Blütenkronen montiert. Diese
falschen Tulpen leuchten, ohne zu beleuchten. Aber immerhin: die Scheinkunst
scheint…
…In allen Essays und Analysen zu Fragen des Kitsches wird ein ganz
entscheidender Faktor nie ausreichend abgehandelt: Die Erscheinungsformen des
Kitsches sind durchaus zeitbezogen und zeitabhängig.
Kitsch ist in besonderem Ausmaß auch Ausfluss des Lebensgefühls und der
Lebenseinstellung einer Epoche. Will sich dieses Gefühl in die Kunst ergießen, kann
Kitsch entstehen. Jede Zeit hat überwertete Lebensinhalte, von ihnen droht der
Kitsch…
…Ob etwas als Kitsch empfunden wurde oder wird, ist nicht nur eine Frage der Zeit,
sondern auch der Bildungsstufe…
…Damit sind wir beim Stichwort Verkitschen. Verkitschen ist die Nachahmung mit
nicht werkgerechtem Material.
Ich sage nur: Kunststoff, Plastik. Neuerdings wird auch wieder mehr Gips verwendet,
weil er als umweltfreundlicher propagiert wird. Gips ist ein von jeher beliebter
Schlackermatsch für Repliken… Man mag sagen: Einen Gipskopf von Schiller oder
Goethe auf das Regal zu stellen, ist besser als gar kein Buch zu besitzen. Oder den
Papst als Gipskopf von einer Pilgerreise aus Rom mitzuschleppen, ist besser als gar
keine Andacht.
Zucker übertrifft allerdings alle Materialien. Mozart, vom Zuckerbäcker geformt,
macht seine Melodien zum Anbeißen süß! …
…Nach Ansicht mancher Arrangeure flutscht Mozarts Musik noch viel besser, wenn
man sie aufbereitet genießt: vom Schlagzeug zu Schlagobers geschlagen, mit
Saxophonen cremig gedudelt und in Rokoko-Kostümen zum Dessert serviert. André
3
Rieux hat in dieser Dekoration schon viele Herzen wundgefiedelt. Und Liberace,
dieser King of Kitsch, traktierte sein Klavier einst bei Kerzenschein so köstlich, dass
man sein parfümiertes Leben sogar verfilmte.
Am vergnüglichsten wird es, wenn Wort und Musik gleich kitschig sind. Ganghofers
Lolo ist mit Franz Lehárs (1870-1948) Waldmägdelein ganz nah verwandt, und der
Fürst von Ettingen gleicht dem jungen Jägersmann im noch immer viel gesungenen
Vilja-Lied wie eine Ankleidepuppe der anderen:
Und ein nie gekannter Schauer
fasst den jungen Jägersmann,
sehnsuchtsvoll fing er still zu seufzen an:
Vilja, o Vilja, du Waldmägdelein,
fass mich und lass mich dein Trautliebster sein,
Vilja, o Vilja, was tust du mir an?
Bang fleht ein liebkranker Mann.
Bevor ich ein kitschkranker Mann werde, schließe ich meine Betrachtung. Ich muss
hier ganz konsequent ein Ende setzen, denn der Kitsch hört nicht auf, mich mit
weiteren Beispielen zu beliefern. Kitsch hört überhaupt nimmer auf.
Er ist, ich sagte es schon, unendlich und unsterblich.
Bevor ich den Vorhang zusammenschlage, wage ich doch noch eine finale Definition:
Kitsch ist eine globale, therapiesesistente Seuche, die ein berauschendes Gift
produziert, das den Verstand lähmt. Kitsch erzeugt den Wahn, man hätte das
grenzenlose himmlische Paradies schon auf Erden gefunden, während man sich in
Wirklichkeit weiterhin nach wie vor nur in der eigenen, eng eingezäunten
Gartenparzelle herumsuhlt.
Der Ring hat sich geschlossen, das Schicksal hat mich wieder in die Gartenlaube
verschlagen.
Dort falte sich, von Zwergen bewacht, ergeben und fromm die Hände. Es liegt alles in
Kitsches Macht.
(der Essay steht ungekürzt in: Jürgen Schwalm, Wort und Bild und Kunst und Leben,
Einfälle zu Vorfällen, Seemann Publishing 2021)