Sonntag, 8. März 2026

Du scheues Reh am Waldessaum


 Jürgen Schwalm

Du scheues Reh am Waldessaum
Kommentare zum Kitsch
(Auszüge aus dem Essay)


…Woher kommt denn überhaupt das Wort Kitsch, das man nahezu im gesamten
europäischen Sprachraum kennt? Zunächst denkt man, es könnte englischer
Herkunft sein. Dabei soll natürlich nicht behauptet werden, dass die Engländer mehr
Kitsch produzieren als andere Nationen. Nur: das Wort klingt halt so, als ob es von
kitchen käme. Kitsch in the kitchen. Doch wir wollen die englische Küche nicht
schlechter machen, als sie ohnehin schon ist.
Zitieren wir die Etymologen. Sie deuten das Wort und das davon abgeleitete Adjektiv
kitschig mundartlich. Es sei erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
bezeugt.
Was hat man denn vorher zum Kitsch gesagt? Ich kenne kein gleichwertiges Wort.
In Deutschland sprach man zur Goethezeit von Ungeschmack. Jüngst wurde auch in
einer Kitsch-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe das Wort
wieder aufgegriffen und der Ungeschmack in der Produktkultur mit bösen Dingen
demonstriert. Aber der Ausdruck trifft doch nicht den Kern. Über Geschmack lässt
sich bekanntlich trefflich streiten und das im ursprünglichen Wortsinn: der eine
goutiert lippenleckend das Menü, das in der Alchimistenküche des Kitsches
zusammengerührt wurde, und der andere bezeichnet es als ungenießbar oder
geschmacklos.
Wenn auch früher eine treffende Bezeichnung fehlte: Kitsch gibt es doch schon von
jeher. Er kroch mit der Kunst aus dem Ei. Man denke nur an die antiken
Devotionalien. Die Archäologen hören das nicht so gerne. Es könnte so manchen
Fund anrüchig machen und abwerten.
Mein alter Brockhaus aus dem Jahre 1894 kennt nur den Kitschbaum, soviel wie
Traubenkirsche, eine Prunusart. Da hilft uns also selbst die Botanik nicht weiter, die
doch sonst von altersher unermüdlich herangezogen wurde, wenn es galt,
Aufklärung zu betreiben, unter anderem mit der Vorgang der Bestäubung. Allerdings
sieht man jedes Jahr zu Weihnachten die schönsten Kitschbäume…
…Dem Kitsch liegt nichts daran, analysiert und kritisiert zu werden, weil er Angst hat,
sich lächerlich zu machen, und der Kitsch nimmt sich meist sehr, sehr ernst.
Es ist ja eigentlich kein Wunder, dass kaum einer wagt, eine Definition für Kitsch
abzuliefern. Wer möchte es schon mit den vielen empörten Gartenzwergen
aufnehmen, die dann mit geschultertem Spaten wütende Aufstände anzetteln
würden? Wer möchte Beleidigungsklagen von Zipfelmützenträgern provozieren? Und
außerdem: Wer möchte in diesem Zusammenhang denn das Bibelzitat von dem
hören, der ohne Sünde ist und den ersten Stein wirft?
Der Kitsch lässt sich eben nicht definieren wie der Pfannekuchen als gebratene
Mehlspeise. Er kann allenfalls kommentiert werden, und jeder Kommentar ist
subjektiv…
…Kitsch will nun einmal ubiquitär sein. Darum ergießt er seine rosa Soße über alle
Lebensbereiche und duldet da keine Ausnahmen. Was gut und schön, nimmt unter
seinem Überschwang ein prachtvolles Ende.
Sämtliche Sparten der Literatur, das weite Feld der bildenden Kunst, die Musik, der
Film, das Fernsehen, die Mode, die Werbung, die Religionen und Ideologien, die
Politik, die Erotik, die Erinnerungen, die uns lieb und teuer sind, alles kann mit den
künstlichen Rosen des Kitsches geschmückt werden…

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…Kehren wir zurück zur Etymologie des Wortes Kitsch.
Das Verb kitschen soll streichen, schmieren, zusammenscharren, entlang streichen,
rutschen und flitzen können. Kann es auch flutschen?
Ich meine: das muss man dem Kitsch lassen: er flutscht. Er kommt schnell voran. Er
flutscht oft wie Cremetorte durch die Kehle, bloß: nachher kann man Bauchweh
bekommen.
Kitsch schmiert und lässt sich verschmieren. Im Schwedischen wird der
Zusammenhang noch deutlicher. Smörja bedeutet da schmieren, aber auch Kitsch
und Schund. Und smör ist die mit dem Wort Schmer verwandte Butter. Man kann
smör in der kitchen auf ein Sandwich kitschen…
…Als ich den wunderbaren Roman „Die Schaukel“ der deutsch-französischen
Schriftstellerin Annette Kolb las, entdeckte ich das ominöse Wort Kitsch in einem
noch ganz anderen Zusammenhang: Da verkitscht ein Münchner Mädchen ihren
Wintermantel, um das Eintrittsbillett für einen Gastauftritt der Duse bezahlen zu
können. Mein bayrischer Freund, der Autor Armin Jüngling, klärte mich auf: das Wort
verkitschen ist jiddisch und bedeutet hier so viel wie verhökern…
…Wer Kitsch als Scheinkunst bezeichnet, trifft das Übel gar nicht schlecht. Denn
Kitsch will immer mehr scheinen als er sein kann. Zum Kitsch gehört die Opulenz der
Verpackung. Das simple Sein genügt nicht mehr dem dekorativen Anliegen.
Denn Kunst-Kitsch soll mit seiner Überflüssigkeit und Nutzlosigkeit die Erbärmlichkeit
des Lebens vergessen lassen.
Das Makart-Bouquet , das in der Gründerzeit auf verschnörkelten Beistelltischchen
und in imitierten China-Vasen Pfauenwedel und Wachsrosen zu prachtvollen Dekors
arrangierte, verwelkte nie. Es verstaubt unter der Bezeichnung Trockenstrauß auch
heute weiter.
Man kann Kitsch sogar potenzieren. Künstliche Tulpen bekommen dann zum
Beispiel zusätzlich noch elektrische Lämpchen in die Blütenkronen montiert. Diese
falschen Tulpen leuchten, ohne zu beleuchten. Aber immerhin: die Scheinkunst
scheint…
…In allen Essays und Analysen zu Fragen des Kitsches wird ein ganz
entscheidender Faktor nie ausreichend abgehandelt: Die Erscheinungsformen des
Kitsches sind durchaus zeitbezogen und zeitabhängig.
Kitsch ist in besonderem Ausmaß auch Ausfluss des Lebensgefühls und der
Lebenseinstellung einer Epoche. Will sich dieses Gefühl in die Kunst ergießen, kann
Kitsch entstehen. Jede Zeit hat überwertete Lebensinhalte, von ihnen droht der
Kitsch…
…Ob etwas als Kitsch empfunden wurde oder wird, ist nicht nur eine Frage der Zeit,
sondern auch der Bildungsstufe…
…Damit sind wir beim Stichwort Verkitschen. Verkitschen ist die Nachahmung mit
nicht werkgerechtem Material.
Ich sage nur: Kunststoff, Plastik. Neuerdings wird auch wieder mehr Gips verwendet,
weil er als umweltfreundlicher propagiert wird. Gips ist ein von jeher beliebter
Schlackermatsch für Repliken… Man mag sagen: Einen Gipskopf von Schiller oder
Goethe auf das Regal zu stellen, ist besser als gar kein Buch zu besitzen. Oder den
Papst als Gipskopf von einer Pilgerreise aus Rom mitzuschleppen, ist besser als gar
keine Andacht.
Zucker übertrifft allerdings alle Materialien. Mozart, vom Zuckerbäcker geformt,
macht seine Melodien zum Anbeißen süß! …
…Nach Ansicht mancher Arrangeure flutscht Mozarts Musik noch viel besser, wenn
man sie aufbereitet genießt: vom Schlagzeug zu Schlagobers geschlagen, mit
Saxophonen cremig gedudelt und in Rokoko-Kostümen zum Dessert serviert. André

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Rieux hat in dieser Dekoration schon viele Herzen wundgefiedelt. Und Liberace,
dieser King of Kitsch, traktierte sein Klavier einst bei Kerzenschein so köstlich, dass
man sein parfümiertes Leben sogar verfilmte.
Am vergnüglichsten wird es, wenn Wort und Musik gleich kitschig sind. Ganghofers
Lolo ist mit Franz Lehárs (1870-1948) Waldmägdelein ganz nah verwandt, und der
Fürst von Ettingen gleicht dem jungen Jägersmann im noch immer viel gesungenen
Vilja-Lied wie eine Ankleidepuppe der anderen:

Und ein nie gekannter Schauer
fasst den jungen Jägersmann,
sehnsuchtsvoll fing er still zu seufzen an:
Vilja, o Vilja, du Waldmägdelein,
fass mich und lass mich dein Trautliebster sein,
Vilja, o Vilja, was tust du mir an?
Bang fleht ein liebkranker Mann.


Bevor ich ein kitschkranker Mann werde, schließe ich meine Betrachtung. Ich muss
hier ganz konsequent ein Ende setzen, denn der Kitsch hört nicht auf, mich mit
weiteren Beispielen zu beliefern. Kitsch hört überhaupt nimmer auf.
Er ist, ich sagte es schon, unendlich und unsterblich.
Bevor ich den Vorhang zusammenschlage, wage ich doch noch eine finale Definition:
Kitsch ist eine globale, therapiesesistente Seuche, die ein berauschendes Gift
produziert, das den Verstand lähmt. Kitsch erzeugt den Wahn, man hätte das
grenzenlose himmlische Paradies schon auf Erden gefunden, während man sich in
Wirklichkeit weiterhin nach wie vor nur in der eigenen, eng eingezäunten
Gartenparzelle herumsuhlt.
Der Ring hat sich geschlossen, das Schicksal hat mich wieder in die Gartenlaube
verschlagen.
Dort falte sich, von Zwergen bewacht, ergeben und fromm die Hände. Es liegt alles in
Kitsches Macht.

 
(der Essay steht ungekürzt in: Jürgen Schwalm, Wort und Bild und Kunst und Leben,
Einfälle zu Vorfällen, Seemann Publishing 2021)

 

 

 

 

 

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