Sonntag, 26. Juli 2026

Angewandte 'Archäologie

Jürgen Schwalm: Das Auge des Polyphem, Collage

 



Jürgen Schwalm: Archaische Träume, Inventionen, 1980
Angewandte Archäologie

Die Ausdrücke der Medizin sind nicht ohne Poesie; so erhält auch die blutigste
Wissenschaft ihre Zierschleife. Hört ein Archäologe das Wort Thalamos, ersteht vor
seinem inneren Auge ein antikes Schlafgemach, in dem sich auf erhöhtem Lager ein
Hochzeitspaar unter Lustschreien vereinigt. Da möchte er sogleich zu einem
Schliemann werden, mit dem Archäologenspaten den Schutt der Jahrhunderte
abtragen und mit indiskreter Hand die Bettgardine anheben. Für mich als Mediziner
steckt der Thalamos nicht nur im klassischen Altertum sondern auch in meinem
Zwischenhirn, und in meinen archaischen Träumen grabe ich immer wieder gerne bei
meinen Sehhügeln nach, um die Schleifenbahnen der Empfindungen freizulegen und
darauf spazieren zu gehen. 
 
 
 

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