Samstag, 13. August 2016

Sommer 2016

Jürgen Schwalm: “Sommer”, Hinterglasmalerei, 2011 
(im Besitz der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Bad Segeberg)



Sommer 2016


Alle Erinnerungen übertreiben und verwandeln abgelaufene Ereignisse in Dramen, in Tragödien oder Komödien. Erinnerungen sind ungerecht. Um auf den diesjährigen Sommer schimpfen zu können, vergessen wir alle Regengüsse, die auch im vorigen Sommer niederfielen. Es wäre besser, wir würden das Wetter des vorigen Sommers ganz und gar vergessen, um den gegenwärtigen Sommer in der Gestalt genießen zu können, in der er sich anbietet. Erleben wir alle Sonnentage als Sonntage, die wir preisen, weil ihre Zahl begrenzt ist.

Jürgen Schwalm 






 

Sonntag, 7. August 2016

Dein Gartenkalender


Jürgen Schwalm: “Spielende Kinder im Garten”, Relief (Acrylfarben auf Kupferplatte), 2005





Jürgen Schwalm

Dein Gartenkalender

Bleistifteintragungen:
am 15. März Garten-Frühjahrsputz

Die Osterglocken für Nina nicht vergessen (mit Ausrufungszeichen)

Am 5. Mai rief der Kuckuck zum ersten Mal
und hörte gar nicht mehr auf

Dann ist Pfingsten auch schon wieder vorbei.
Und bald dahinter sind die Tage vermerkt,
an denen die Nacktschnecken-Gesellschaft
uns den grünen Salat abfraß,

die Tage,
als die Amseln abends
von allen Vögeln
am längsten telefonierten,

die Tage,
als uns die Köpfe
beim Beerenwein-Ansetzen schwollen
und schließlich die Dahlien bunt wurden.

Du hast so viel eingetragen
zwischen die Beete,
und alles Umzäunte
und liebevoll Gezähmte
erzählt mir das Jahr durch
von dir

(aus dem Zyklus: Der Blütengarten)
 





 


Samstag, 30. Juli 2016

Klatschmohn

Jürgen Schwalm: Mohnblüte, Foto, 2014 


Jürgen Schwalm

Klatschmohn

Nehmt euch in Acht
vor dem Klatschmohn.
Er beobachtet mit roten Augen
die Flora und Fauna in seinem Revier
und veröffentlicht alle Feld- Wald- und Wiesengeschichten
 in seinem Heimatblatt.
Kürzlich war eine kleine Raupe ganz erstaunt,
als sie sich durch die Morgenlektüre fraß
und sich dort als Riesensaurier geschildert fand.
Sie zog es allerdings vor,
von einer Verleumdungsklage abzusehen
und hat sich lieber verpuppt.

                                 (aus dem Zyklus: Der Blütengarten)



Samstag, 23. Juli 2016

Zinnien

Jürgen Schwalm: „Die Parade“,
elektronische Farbstudie, 2016


Jürgen Schwalm

Zinnien

Wären da nicht
die eisern durchgedrückten Kreuze
bei den ordensbunten Paraden,
wäre die Haltung der Stengel
weniger steif,
könnten die Wurzeln
lockerer Schritt fassen,
würde der Garten
von allen leuchtenden Parolen
noch schneller erobert sein.

(Aus dem Zyklus: Der Blütengarten)






Samstag, 16. Juli 2016

In memoriam Dirk Schwalm

Jürgen Schwalm: “Violette Dämmerung”, Fotobild, 2016




IN MEMORIAM

DIRK SCHWALM

* 29. Februar 1940 in Berlin
† 14. Juli 2016 in Heidelberg

GRABSCHRIFT


WEIL ICH STARB
VERLOR ICH MEINEN TRAUM
DEN TRAUM
DEN ICH LEBEN NANNTE /
ES WAR EINMAL EIN TRAUM
IN DEM DIE TAGE SCHWIEGEN
IN DEM DIE NÄCHTE RIEFEN/
ES WAR EINMAL EIN TRAUM
IN DEM MEIN LEBEN SCHLIEF
IN DEM MEIN TOD ERWACHTE/
ICH SCHRITT AUS MEINEM TRAUM:
JETZT SCHWEIGEN DIE NÄCHTE/
WAS MIR MEIN TRAUM VERWEHRTE
GAB MIR MEIN TOD:
RUHE
DIE ICH NUN LEBEN NENNE

       Jürgen Schwalm



 


Samstag, 9. Juli 2016

Die Rose

Ulrike Schwalm: “Das Rosenbeet”, 
Assemblage (zu Blüten vernähte verschiedenfarbige Seidentücher), 2015



Jürgen Schwalm

Die Rose

Ihr Herz aus gefälteter Seide
lächelt über das Schicksal
das ihr blüht.
Sie schenkt
die prachtvolle Robe dem Liebenden
und ritzt ihn mit den Dornen,
damit der Schmerz des Abschieds
unvergesslich bleibt.

(aus dem Zyklus: Der Blütengarten)






Samstag, 2. Juli 2016

Gänseblümchen





Jürgen Schwalm

Gänseblümchen

Ein Kind trägt mit zärtlichen Händen
seinen Strauß durch die Sommerwiese
und träumt ein tausendschönes Lied
von einer unschuldsweißen Hochzeit.


(Aus dem Zyklus: Der Blütengarten)



Astrid Cordes (Entwurf und Glasschliff, 2002): Pokal mit dem Gedicht „Gänseblümchen“
von Jürgen Schwalm; Schauseite: „Mädchen mit Blumenstrauß“