Samstag, 10. November 2018

Brunnen

Jürgen Schwalm: “Tropfenfall”, Fotostudie, 2017



Jürgen Schwalm 


Brunnen

Mythisch ist der Beginn. Es gibt Traumbrunnen und Orakelquellen, Brunnen des Erinnerns und Quellen des Vergessens. Durch manche Brunnen steigt man in ein Märchenland. Trocknet der Brunnen aus, naht der Tod.

Andererseits sind Brunnen heiteres Spiel, das sich zur Apotheose des Wassers aufschwingt mit dem Ballett der Wassertropfen, die bemooste Steinfiguren umtanzen bei rauschender Musik und rasch gewechselten Flüsterworten.

Der prosaische Brunnen der Wüste berechnet den Wert des kostbaren Wassers, der lyrische Brunnen im Park besingt seinen freudebringenden Überfluss.


(aus:Der Lebens-Baum, Betrachtungen)




Samstag, 27. Oktober 2018

Venus

Jürgen Schwalm: ”... das Lager wölbt sich weiß”, Collage, 2017


Jürgen Schwalm

Venus

Im schwarzen gehäuse
drehen die räder der nacht
den mond an

In seinem schatten
wartet der tod
dass die liebe im licht
von ihm träumt

Es stirbt sich leicht
im kometenaufstieg

Das lager wölbt sich weiß
und das hochzeitstuch
trägt die farbe des endes

(Eine Klavier-Inspiration von Christoph Klöhn zu dem von Ernst-Erich Buder rezitierten Gedicht „Venus“ 
findet sich auf der kürzlich erschienenen CD „Lyrische Impressionen“)





Freitag, 19. Oktober 2018

Das Labyrinth

Jürgen Schwalm: Das Labyrinth, Assemblage, 2018


Jürgen Schwalm

Das Labyrinth


Als der Mond noch blaue Orakel säte
war ich ein Körperloser
der dich nachts suchte
brach mit den Schattenfaltern in dein Entsetzen


Da schnarrte und winselte
das gekrümmte Ammonshorn aus Schilftagen
deine gestopfte Fluchttrompete


Du wandest dich alle Spiralen zurück
dein Herz klopfte so schnell
als mein Echo in die Schalenmündung fiel
und an den Wänden einwärts trappte schrattelfüßig


War das eine Wendeltreppe
klappernde Stufen
bis in die letzte tiefste Kammer
wo du am Boden hocktest
und deine Angst würgtest


Ach was zittertest du
kam ich doch als Inkubus
wundertätig
dich zu heilen in Schlaf und Traum





Samstag, 13. Oktober 2018

Turmalin

Jürgen Schwalm: Turmalin, Hinterglasmalerei, 2018




Jürgen Schwalm

Turmalin

Allen Winkelbrechungen
folgte das klopfende Leben

Du hast die Gittergesetze abgeschafft
und den Signalen der Güte
neue Farben verliehen

Jetzt verlachst du meine Kanten

Ich halte dich
ungeschliffen wie ich bin
umfasst
und wir strahlen uns zu



Samstag, 6. Oktober 2018

Heine-Abend im Bildersaal der Lübecker Gemeinnützigen am 30.08.2018

Heinrich Heine am 6. April 1829, Zeichnung von Franz Theodor Kugler (1808-1858). Bildersammlung: Schwalm


Über den Heine-Abend im Bildersaal der Lübecker Gemeinnützigen am 30. August 2018 schrieb Claus-Peter Lorenzen in den Lübeckischen Blättern 15/2018 u.a.
Volles Haus im Bildersaal: Jutta Kähler und Jürgen Schwalm präsentieren Heinrich Heine im Duett – Eine treue Besuchergemeinde haben sie sich mit ihren Rezitationsabenden erarbeitet: Jutta Kähler und Dr. Jürgen Schwalm luden zu „Vorzüglich, vorzüglich! Muss sofort verboten werden!“ – und die Zuspätkommenden mussten unverrichteter Dinge wieder gehen, so voll war der Bildersaal. Heinrich Heine war Thema des Abends…Heine ist kanonisiert, steht gar in der bayerischen Walhalla – und wird er noch gelesen? Kähler und Schwalm jedenfalls haben es getan, sie ließen die Zuhörer an ihren Lesefrüchten teilhaben und sowohl den romantischen Poeten als auch den politischen Beobachter zu Worte kommen. Viele Liebesgedichte trug Schwalm vor und warf dabei seiner Partnerin schmachtende Blicke zu, die diese auch verbal aufnahm. Junge und schöne Mädchen  waren Gegenstand vieler schöner Worte, die sich auch heute noch gut hören lassen, wenn man Geschliffenheit der Sprache und Heines Pointen zu schätzen weiß…Unter der Überschrift „Journalismus als literarische Kunstleistung“ ließen sich Reiseberichte überschreiben: Schwalm und Kähler erfreuten das lübsche Publikum mit satirischen Beschreibungen Hamburgs und der doch sehr hanseatischen Einwohnerschaft; Spott über Berlin und damalige Baustellen fehlte auch nicht. Welche Religion zu bevorzugen sei, hat den getauften, aber innerlich nicht wirklich konvertierten Juden Heine auch beschäftigt; er lässt in den „Bädern von Lucca“ Herrn Hyazinth hierüber sprechen… Der Abend, der durch seine kennerische Textauswahl, die Art des Vortrags und des Zusammenspiels der beiden Rezitierenden bestach, wurde mit dem zweistimmig vorgetragenen literarischen Selbstbildnis „Enfant perdu“ beschlossen…“Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen sind nicht gebrochen“. Diese Waffe, die Macht Heines, seine Sprache lebt noch heute.




Samstag, 29. September 2018

Späte Tage

Jürgen Schwalm: “Die Signaturen der Jahreszeiten”, Hinterglasmalerei, 2018


Jürgen Schwalm

Späte Tage

Noch hält der Ahornbaum
seine Krone dem Himmel entgegen,
noch zieht er
seine Laubschleppe nach –

da wirbelt der Windrosentanz,
und das erste rote Blatt
löst sich vom Trapez der Zweige
zum Traumsprung in das Herbstfeuer.
(aus: Japanische Lieder)




Freitag, 21. September 2018

Der Schleierfisch

Jürgen Schwalm: Der Schleierfisch, Photocollage, 2018



Jürgen Schwalm

Der Schleierfisch

Wenn die steilen Begierden
nachts ihr dunkles Wasser
in die Straßenschluchten gießen
steigt der Schleierfisch auf
bis in den zehnten Stock
und presst seine Nase
gegen die Scheiben

Hinter den Aquarienwänden
entkleidet sich eine Schöne

Da lässt auch er seinen Schleier fallen
und ist nur noch Fisch

Ganz hüllenlos als schlüpfriges Tier
im lauten Schrei erscheint er ihr

(aus: „Vernissage“, 1990)