Sonntag, 19. November 2017

J.S. Bach Hohe Messe in h-moll

 

Jürgen Schwalm: “Variation in h-moll auf Goldgrund”, Fotostudie, 2016
 

Am 12. November 2017 fand eine denkwürdige Aufführung der Messe in h-moll von
Johann Sebastian Bach in der Lübecker St. Ägidienkirche statt.


Jürgen Schwalm

Johann Sebastian Bach
Hohe Messe in h-moll


Du verzweifelst in deiner Not
aus der Tiefe schreist du
de profundis
Kyrie Kyrie Kyrie

Gib dich nicht auf
denn die Fanfaren ertönen
jede Note ist der anderen zugemessen
und folgt ihr geordnet

Aus dem Kosmos des Kontrapunkts
leuchtet der Stern der Hoffnung
auch für dich auf

Höre wie die Botschaft
die Treppe des Heils
Takt für Takt
zu dir herabschreitet
und unter Trommelwirbeln
Weihrauch den Klangraum erfüllt
im Sanctus und Hosanna

Zweifle nicht länger
dass alle Strenge doch Güte war und ist

Sieh wie die Seele sich schmücken darf
mit Flötenklängen
die aus jenen Höhen tropfen

Wozu noch Zweifel
Aufgehoben wirst du sein





Samstag, 11. November 2017

Jean Cocteau


Jean Marais: “Kopf mit vier Gesichtern”. Die Plastik wurde inspiriert durch eine Szene in Jean Cocteaus Film: “Le Sang d’un Poete” von 1930. In der Filmszene dreht sich ein aus Draht geflochtener Kopf um die eigene Achse. – Sammlung Jürgen Schwalm


Jürgen Schwalm

Jean Cocteau


Im Grunde lebt die Kunst Cocteaus von wenigen Einfällen, die sich zudem als Leitmotive wiederholen: von Gängen durch Wände und Spiegel, von Todesboten, von Handschuhen, die bei mordenden Bestien dampfen, und von gefährlichen Schneeballschlachten.
Bei Cocteaus „Reise um die Welt in achtzig Tagen“ bleibt vieles ungesehen und ungeschehen auf der Strecke, weil Cocteau dabei sein Coupé nicht verlässt, das aussieht wie seine Mietswohnung, die herrlich opiumdurchschwängert ist und von bösen Kindern und schrecklichen Eltern ramponiert wird. Überall häuft sich das zusammengestohlene Inventar; edle Kaminbüsten finden sich neben Gießkannen, die ungebraucht verrosten, weil hinter den Plüschportieren nur künstliche Blumen wachsen. Aber diese Unordnung ist Cocteaus Vorteil. Die kuriose Einrichtung bleibt ja nicht an den Stellen, wohin sie das Leben warf; sie purzelt vielmehr immer wieder in überraschender Weise neu und anders durcheinander, und Cocteau kennt keine Skrupel, diese zufälligen Konstellationen aufzuschreiben, als hätte er sie erdacht. Aus dieser Hemmungslosigkeit erwuchs sein Ruhm zu akademischen Höhen und Ehren.
 
(aus: „Der Lebens-Baum“ –Betrachtungen, 2005)


Samstag, 4. November 2017

Eros - Agape - Philia


Jürgen Schwalm: “Die Zeit ist ein Meer aus Glas”, Fotostudie, 2016

Jürgen Schwalm

Eros – Agape - Philia

Die Zeit ist ein Meer aus Glas.
Unsere Jahre schliffen die Wellen aus
im Auf und Ab der Flut.
In gläserner Tiefe
liegt all dies mit dir gemeinsam Erlebte.
Ich schwieg schon zu lang
von der Trinität unserer Liebe.
Im Feuersturm zerschmilzt die Zeit,
wenn ich mich endlich
 zum Unzerstörbaren bekenne,
das uns von Anfang an verband.

(aus: Griechische Zeilen)



Sonntag, 29. Oktober 2017

Kerameikos



Jürgen Schwalm: “Kerameikos”, Assemblage 
(antike griechische Theatermaske, antike griechische Münze), 2017

Jürgen Schwalm

Kerameikos

Eine Scherbe
unter den Opferflammen der Zypressen,
die Maske
die mein Gesicht war:
Tragische Braue und lächelnder Mund.

Ein Xylophon klöppelt mit Knöcheln.

Nimm, was blieb, aus dem Staub,
damit der Totentanz endet.

(aus: Griechische Zeilen)


Samstag, 21. Oktober 2017

In meiner schmalen Kajüte

Jürgen Schwalm: “Santorin”, Pastellfarben, 2016 



Jürgen Schwalm

In meiner schmalen Kajüte

In meiner schmalen Kajüte
trommle ich,
Alpha, Beta, Gamma,
was die Tasten der Schreibmaschine herausschlagen,
spanne die Seiten,
meine weißen Segel,
zwischen Delta und Epsilon.
Da schwanken
die Planken.
Ich muss alles festzurren
mit Seemanns-Tau und -Garn,
sonst stolpere ich
über die orthographischen Fehler
auf meine vier Buchstaben
und in die Kombüse,
wo Griechisch, Englisch und Deutsch
in einem Topf zusammengerührt wird.
"My name is Georgios",
skandier ich für Niko,
und er antwortet:
"Ah Georgios,
that's the greatest Greek saint.
I will show you the Sirtaki,
du deutscher Heiliger,
hör auf zu schreiben,
tanze von Alpha nach Omega,
tanze!"

(aus: Griechische Zeilen)



Samstag, 14. Oktober 2017

Aus der griechischen Sagenwelt


Jürgen Schwalm: “Denkmal für Pegasos”, Zeichnung des Objektes 
(perforierter Bohrkern aus Sandstein, Hufeisen, Flügelpaar), 2017


Aus der griechischen Sagenwelt

Als Perseus der Gorgo Medusa das Haupt abschlug, erhob sich aus ihrem Blut das Flügelross Pegasos. Nach einer Version der Sage stieg Pegasos sogleich zum Himmel empor, wo er dem Zeus den Blitz trägt und den Donner. Nach einer anderen Version wurde er von Bellerophon eingefangen und beim Kampf gegen die Chimaira eingesetzt. Durch den Hufschlag des Pegasos entsprang auf dem Gipfel des Helikon die den Musen geweihte Quelle Hippokrene.


Sonntag, 8. Oktober 2017

Delphi


Jürgen Schwalm: “Der Eingang zum Hades”, Fotostudie, 2017


Jürgen Schwalm

Delphi

Den Nabel der Welt 
entsorgte die Zeit.
Alle Planeten
gerieten aus den Bahnen.
Quellen versiegten.
Oliven verstaubten.
Steinschwere Quader
stopften der Erde das Maul.
Das Dreifußorakel
nennt keine Gewinner mehr.
Alle Stufen führen nur noch hinab,
und die Nacht siegt immer.

(aus: Griechische Zeilen)