Samstag, 20. Dezember 2025

Der Weg zu uns

Jürgen Schwalm: Wünsche in Blau, Hinterglastechnik


Jürgen Schwalm

Der Weg zu uns


Alle Mythen sind unsterblich 

und wiederholen sich in unserem Leben.


Liebe Irene, ich schreibe an Dich und für Dich. Nimm die Botschaft als Schwur und Vermächtnis. Ich könnte zu Dir sprechen, denn Du sitzt ja ganz dicht bei mir in Deinem bequemen Sessel und liest. Du hältst den Kopf gesenkt, eine Haarlocke fällt in Deine Stirn, Du pustest sie zurück. Du legst das Buch aus der Hand, streifst die Schuhe ab und ziehst die Beine hoch, rollst dich ein wie eine Katze. Katzengleich unbeirrt zogst Du immer Deine Spur, wer Dich dabei stören wollte, musste damit rechnen, Deine schmerzhaften Krallen zu spüren. Du fixiertest eigene Ziele, die durchaus wechseln konnten. Aber Dein unberechenbarer plötzlicher Widerstand war es gerade, der mir gefallen konnte, der mich immer wieder aufgefordert hat, Deine Wege zu kreuzen und ihnen wenigstens streckenweise zu folgen.

Also: Ich könnte mich jetzt Dir zuwenden und mit Dir reden, aber das gesprochene Wort ist zu flüchtig und zu vergänglich für das, was es festzuhalten gilt für unser kurzes Leben vor unserem langen Tod, die Erinnerung nämlich an jenen griechischen Sommer auf Zakynthos, an unseren Sommer, der uns wieder zusammenführte nach allen Deinen Fluchten und nach allen meinen Irrfahrten, die sich zu einer Odyssee gereiht hatten. Der Norden war stets nur meine zweite Heimat gewesen. Die südlichen Küsten waren mir näher. Griechenland war von jeher die Heimat meiner Seele, meines Herzens, Urheimat schon vor meiner Geburt, Stammheimat. Dort entdeckte ich in meinem eigenen kleinen Schicksal die Last, aber auch die unbändige Kraft der großen Überlieferungen. Dort war ich schon immer gewesen in allen Träumen, die entscheidender sind als die Wirklichkeit. Vor den griechischen Küsten lag mein Anker, er hing an einer reißfesten Kette, die zu den tiefsten Geheimnissen führte.

Du wusstest davon, Irene, Du hattest es längst erkannt. Du hast mich von jeher erkannt, deshalb hast Du mich immer wieder frei gegeben. Als alles zu zerbrechen drohte, warst Du so klug, noch einen Versuch zu wagen vorm endgültigen Absprung. Eine gemeinsame Reise vor den nächsten Entschlüssen.

Und das Wunder geschah: Es gab einen Neuanfang für uns beide. Wir segelten nach Zakynthos.

*

„Der Weg zu uns“ hieß der Schlager, der in jenem Sommer aus allen griechischen Tavernen quoll und die heißen Tage eroberte und die bunt schillernden Nächte. Sirupsüß haftete er in den sonnengebleichten Haaren, auf der Haut, auf der Zunge. Helena trug ihn über alle Lautsprecher vor, sie ließ keinen Anlass aus, Helena, der Shootingstar aus Zakynthos mit ihrer tiefen rauen Samtstimme. Aus finsteren Kneipen war sie aufgestiegen, sie war aus dem Nebel der Nikotinschwaden und über Wein- und Bierpfützen in ihren heftig auflodernden, aber kurzlebigen Ruhm gestoßen worden. Über Land und Meer raunte Helena damals die Zauberworte unseres südlichen Sommers: „Der Weg zu uns“. Eine Hexe war sie, eine Circe; sie konnte Männer in Schweine verwandeln und Frauen zum Weinen bringen, ungeschoren ließ sie keinen; sie drängte sich allen Geschlechtern auf, den Männern, den Frauen und denen zwischen den Ufern.

Schlager können wirklich zuschlagen. Sie können Nägel ins Herz treiben, und der Verstand kann sie dann nicht mehr herausziehen; zurück bleibt ein blutendes Herz, vielleicht eine Narbe, vielleicht sogar eine lebenslängliche Tätowierung, die den Schaden für alle sichtbar macht. Der Liebe Freud, der Leiden lange Zeit. Im Schlager darf sich alles reinem, wenn es auch wehtut.

„Der Weg zu uns“ hieß das Lied dieses Sommers, und alle Sehnsucht der Welt beschwor die Melodie, die trunken war vom Licht der Tage, vom Wein der Nächte.


Ich hab’ dich geliebt.

Als du mich verlassen,

konnt’ ich nur noch hassen.

Du kehrtest zurück.

Was ist mir geblieben?

Ich kann nur noch lieben.


Was nützt es, klug zu sein, wenn eine Zauberstimme die eigene Sehnsucht weckt? Ich will es nie mehr leugnen, dass meine Sehnsucht und mein Heimweh letztlich immer Deinen Namen trugen, Irene. Und in jenem Sommer ließ die Heimweh-Melodie alle Wünsche auferstehen. Ich war ja immer nur deswegen von Dir fortgegangen, um wieder zu Dir zurückkehren zu können. Wie fern ich Dir auch war, welche Abgründe auch zwischen uns lagen, alle Meere führten schließlich doch zu Dir zurück. Kam ich zurück, lag Salz auf meinen Lippen, der Bodensatz dunkler, vergeudeter Tage. Jedes Mal trat ich wieder hungrig und durstig wie ein Schiffbrüchiger reumütig bei Dir ein, damit Du meine Wunden kühlen konntest.

Und nun waren wir beide gestrandet an der griechischen Inselküste. Und Helena hatte ihr kleines Lied gesungen, sie sang es für die ganze Welt und sang es doch nur noch für Dich und mich.

Wir hörten es immer wieder in der Dionysos-Bar am Hafen, die Zuflucht wurde für uns zwei. Das Lied schlug bei uns auf und auf uns ein. Wie Odysseus war ich zurückgekehrt, war Dir wieder so nah wie einst; älter geworden, aber nicht gescheiter. Und Du hattest wie Penelope auf diesen Augenblick gewartet. Ich entdeckte Dich plötzlich neu; Du warst ja auch wirklich neu erstanden für mich.

„Denk nicht an gestern“, sagtest Du. „Graue Haare kann man färben. Lass uns tanzen gehen. Heute will ich auf dem Seil tanzen über dem Abgrund. Komm mit, heute werden wir nicht abstürzen, heute nicht!“ – Du sagtest: „Heute weiß ich, dass du wirklich wieder bei mir bist und zugleich in Deiner Heimat. Das ist Gnade, das ist die Gunst der Stunde. Wir sollten uns beide von ihr verführen lassen.“ –

Wie hörten das Heimweh-Lied, es folgte uns nach, als wir die Bar verließen und den Bootssteg betraten, und wir sahen zu, wie es vor Zakynthos im Meer schaukelte, wo anfangs noch die Sonne scheibchenweise auf den Wellen schwamm und später der Mond. Aber da trugst Du schon die rote Blüte im Haar und flüstertest mir ganz leise meinen Namen ins Ohr. Das war Deine zärtliche Gabe für unsere Wiedergeburt.

Zurück in der Dionysos-Bar, beim Abendessen, wollte ich Dir unbedingt das Lied schenken, das doch eigentlich für die ganze Welt bestimmt war, und Du nahmst meine Gabe an und trankst das Lied aus meinem Glas. Da wollte das Lied mit Dir tanzen und schlüpfte in Deine Schuhe, die hatten aber hohe Absätze, und so konnte es nicht so rasch, wie es wollte, mit Dir davonlaufen, und da rief ich voll Übermut: „Ich nehme euch beide auf meine Arme!“

Wir waren göttlich trunken, wir liefen hinaus in die Nacht. Unser Tanz auf dem Seil. Heute konnte das Seil nicht reißen. Wir schwankten märchenhaft vertraut am Kai, Du, die Melodie und ich, und der leichte Dunst, der über dem Wasser aufstieg, duftete wie Anis. „Das ist der Ouzo“, sagtest Du, „das ist unser nächtlicher Schutzheiliger, der auch nicht länger in seiner Kirche bleiben mag.“

Unseren Schutzheiligen hatten die Glocken verbimmelt und nun ging er bummeln. Er strich durch die kleine Stadt am Hafen und zündete an jeder schrägen Ecke seine Lampen an, die der Dunkelheit zu Kopfe stiegen. Da sprühten die silbernen Funken, im Wasser gespiegelt, ein launisches Feuerwerk! In dieser Nacht kamen wir dem Himmel so nah wie nie in taumelnder Lust. Das war die Nacht unserer Auferstehung.

*

Wir sind in den Norden zurückgekommen, wir sind nicht mehr in Griechenland.

Ich werde warten, bis Du aus Deinen Träumen erwachst, Irene, und Dir dann meine Hände auf die Schultern legen.

Was ist mir geblieben?

Ich kann nur noch lieben.


Schlager können wirklich zuschlagen.

Von den Freuden der Liebe hatte Helena gesungen und von ihrer Vergänglichkeit.

Der Liebe Freud währt nur für kurze Zeit.

Lieder können Nägel ins Herz treiben.

Und der Liebe Ewigkeiten?  Soll ich Dich das jetzt noch fragen, Irene? Ich weiß ja doch, welche Antwort Du mir geben wirst. „Frag nicht nach“, wirst Du sagen, „damit es kein Ende mehr geben wird zwischen uns.“





 

Freitag, 12. Dezember 2025

Fußangeln

Realgar (rote Linien) in Achat, Montana/USA, Sammlung und Foto: Jürgen Schwalm 

 

Fußangeln

Fußnoten können zu Fußangeln werden. Manche Menschen verzappeln sich unten am Schluss der Seite so sehr im Gestrüpp der Fußnoten, dass sie überhaupt nicht mehr dazu kommen, die Hauptsätze zu lesen, die im Leben oben stehen.

Jürgen Schwalm









Dienstag, 9. Dezember 2025

Advent...


 

Eine gute Advents- und Weihnachtszeit

wünscht Ihnen / Euch /Dir 

Ihr /Euer /Dein Jürgen /Jorgos







 





Sonntag, 30. November 2025

Herzensadel




Architekturachat "Schlossruinen", Brosche aus Italien, Sammlung und Foto: Jürgen Schwalm

 
Herzensadel

Ich traf in meinem langen Leben viele Frauen mit Herzensadel, also Damen, die es fertigbrachten, einen Schweinestall in ein Schloss zu verwandeln. Aber da das Leben kein Märchen ist, gewannen sie trotz aller Bemühungen für ihr Schloss nie einen Herzensprinzen.

Jürgen Schwalm




 


Sonntag, 23. November 2025

Gesetze

Jürgen Schwalm: Farbspiel 2; Hinterglasmalerei, 2010
 


Gesetze


Der Mensch erfindet Maßeinheiten und wundert sich, dass die Natur nicht den von uns zum Gesetz erhobenen Vorstellungen entspricht. Es gibt kein absolutes Maß, und die Natur hat ihre Eigengesetzlichkeit; sie ist maßlos wie der Mensch mit der Vielzahl seiner subjektiven Bilder von ihr.

Aus: Jürgen Schwalm, Wort und Bild uns Kunst und Leben, Seemann Publishing, 2021









Sonntag, 16. November 2025

René


Jürgen Schwalm: Hellas, Collage, 2002 

 

Jürgen Schwalm


René

Griechische Inseln 

durch dich noch einmal hell und leuchtend gesehen.

Blaue Meeresworte dem Himmel vorgebetet 

du bist die Kraft meiner Augen.

Nah und vertraut rühr ich dich an 

und das Blut meiner Erinnerung 

tropft von deiner Schläfe.







Samstag, 8. November 2025

Im November

Foto: Hannah Huber


Jürgen Schwalm

Im November


Der Ginkgo-Baum 

schiebt seine gelb leuchtende Blätterpracht 

vor die schiefergraue Wetterfront.

Welch herbstlich funkelnde Freude,

welcher Aufwand für einen einzigen Augenblick!








 

Samstag, 1. November 2025

Luzifer...


Salvador Dalí (1904-1989): Salut à Mephisto (1969), kolorierte Radierung, Sammlung: Jürgen Schwalm


Jürgen Schwalm

Luzifer

Alle Heilsbringer gleichen Luzifer. Erst versprechen sie uns mit ihrem Licht den Himmel auf Erden, und wenn sie uns betört haben, reißen sie uns mit bei ihrem Höllensturz.

Höllenfeuer

Der Bereich des Guten ist zwar das Licht, aber der des Bösen keineswegs die Dunkelheit, sondern das Feuer, wenn es auch in der Hölle lodert. Aber dort scheint es ja sowieso viel amüsanter zuzugehen als im stilvoll langweiligen Himmel. Aus dem Feuer resultiert die Faszination  des Bösen: Man kann sich an den Flammen wärmen, allerdings sollte man den notwendigen Sicherheitsabstand einhalten.





Samstag, 25. Oktober 2025

Gartenlust

Azaleenblüten.- Foto: Jürgen Schwalm 

 





Viele Religionsberichte beginnen mit oder in einem Garten und enden mit der Sehnsucht ihrer Anhänger, einst in diesen ersten Garten heimkehren zu dürfen. Freilich: Die Pforten vor allen Paradiesen sind meist verschlossen oder zu eng. Aber wir Weltenwanderer sollten die Hoffnung nie aufgeben. Denn warum sollte das, was uns verloren ging, denn schließlich in einer Gartenlust nicht wieder eingelöst werden können? 


(aus: Jürgen Schwalm: „Der Lebensbaum“, Betrachtungen)





Samstag, 18. Oktober 2025

Antwortgedichte III

 

Vogel, Textilfragment, koptisch, Sammlung Schwalm


Jürgen Schwalm


Bevor ich dich fand,

habe ich meinen Botenvogel ausgesandt

mit Liedern von meinem Land.


Als du dich zu mir gewandt,

habe ich ein Schriftband

gespannt

zwischen meine und deine Hand.


Marianne Junghans


Du sagst,

 meine Worte brennen.

Das macht, 

dein Botenvogel 

ist ein Feuervogel.

Mit deinen Liedern 

hat er mein Herz entzündet

und meine hilflosen kleinen Worte, 

hochzüngelnd an deinen Gedanken.

Nun müssen sie glühen,

lebenslang,

nicht als Funkelsilben,

als Dornbusch,

der nie verbrennt.


(aus: Jürgen Schwalm / Marianne Junghans: Aus den Gebirgen der Schwermut, 

Verlag DER STEG im KREIS DER FREUNDE









 

Samstag, 11. Oktober 2025

Antwortgedichte II


Jürgen Schwalm: Das Rote Fenster, Hinterglasmalerei


Jürgen Schwalm

Abgesang

Ich suche mich in alten Bildern

Kein Brückenschlag nur Abgesang

Verstockt und abgefleckt die Haut

Verlegte Landschaften

Verheftete Ansichten

Verreiste Zeit

In versteinerten Wäldern schattet das Damals

hängen zur Ernte meine erblindeten Blicke 


Marianne Junghans

Resurrectio

Pastorale:

Frühling und Kuckucksruf!

Im Moos 

der versteinerten Wälder 

keimt der Same

der blauen Blume.

Such dich 

im Spiegel meiner Augen 

am Brückenschlag 

zwischen dir und mir!


In: Jürgen Schwalm und Marianne Junghans: Aus den Gebirgen der Schwermut ins große Crescendo, Gedichte und Antwortgedichte, Verlag DER STEG im Kreis der Freunde, 1977 





Samstag, 4. Oktober 2025

Antwortgedichte

Jürgen Schwalm: Das grüne Fenster, Hinterglasmalerei


Jürgen Schwalm


Ich irrte durch die Nacht,

aber du hast nicht zugelassen,

dass ich mich verlor.

Du hast den Tag für mich angerufen,

da durfte ich mich wiederfinden,

und du erkanntest dich an mir.


Marianne Junghans


Immer tiefer hineingerissen 

in den Sog deiner Worte,

die mich nicht mehr loslassen,

mit jeder Silbe du in meine Seele eingraviert,

unauslöschlich.

Dein Schmerz wird zu meinem Schrei,

deine Einsamkeit schickt mich in die Wüste,

ich zucke unter Wunden, dir geschlagen.

Deine Zeilen schleifen mich durch alle Höllen und Seligkeiten.

Längst hast du 

alle Schichten meines Herzens abgetragen, 

bis auf die erschütterten Fundamente.

Woher nehm ich denn 

Kraft und Trost für dich 

und die Taubenworte, 

die sanften, 

die du brauchst zu deiner Heilung? 

Was ich dir sage, 

ist nur geborgt von dir,

ist nur geschöpft aus deinen Quellen.



In: Jürgen Schwalm / Marianne Junghans

AUS DEN GEBIRGEN DER SCHWERMUT INS GROSSE CRESCENDO

Kleine Auswahl von Gedichten

Verlag DER STEG im KREIS DER FREUNDE, 1977


 

 



 

Samstag, 27. September 2025

Meiner Schwester Brigitte in Memoriam

Heinrich Schwieger-Uelzen: Blumenstrauß 1947; in: Jürgen Schwalm, Heinrich Schwieger-Uelzen, Eva Schwieger von Alten "Schwingen", Breit-Verlag Marquartstein, 1984


 Jürgen Schwalm


Meiner Schwester Brigitte in Memoriam


Das Wunder der Worte, 

das in unserem Anfang 

aus Nacht und Nebel ergrünte.

Die Bäume der Jugend und ihre Sprache.

Aber die späten Straßen und ihr Schweigen.

Dass wir einmal noch wie Schmetterlinge 

aus dem Winter zurückkehren dürften 

zu unserer lebenstollen Ungeduld ganz im Beginn.





 

Montag, 15. September 2025

Mädchen im Glück

Heinrich Schwieger-Uelzen: Im Park, Aquarell, 1946; in: Jürgen Schwalm, Heinrich Schwieger-Uelzen, Eva Schwieger-von Alten: "Schwingen", Theodor Breit Verlag Marquartstein, 1984






Jürgen Schwalm


Mädchen im Glück


Da läuft sie vorüber

eben um die Ecke 

klippklapp 

voll Heiterkeit 

tripptrapp

 Mädchen im Glück 

ein kesses Hütchen 

ein Kleid wie ein Fähnchen

ein Paar 

schwungvolle Brauen-Flügel 

ein Paar 

zugeblitzte Augen-Blicke 

ein kurzes Lächeln 

nicht zu fangen 

auf und davon






 



Mittwoch, 3. September 2025

Sommerlicher Park


Heinrich Schwieger-Uelzen: Im Park, Öl, 1972, in: Jürgen Schwalm, Heinrich Schwieger-Uelzen und Eva Schwieger-von Alten: Schwingen, Breit-Verlag Marquartstein, 1984


 Jürgen Schwalm


Sommerlicher Park


Die Schattenbarrieren sind aufgehoben 

und die Wege freigegeben

zur Kurgast-Promenade

Libellen-Zickzack über dem Teich

Schwäne in der Entengrütze

Amsel-Gezeter

Das Rasen-Tuch ist ausgespannt und frisch geschoren

Lammfromm sind auch die Hunde 

und angeleint manierlich getätschelt

Rentner schwingen die Stöcke und die Beine

Das Kurkonzert beginnt

Anna sitzt in der ersten Reihe

damit sie den Pianisten sehen kann

Sie trägt das Blütenkleid vom letzten Sommer

und schickt die flatternden Gedanken 

zu der Gruppe der Platanen

deren Rinde platzt und abschält

Annas Runzeln lassen sich auch nicht mehr glätten

deshalb weiß sie nicht

ob sie sich wünschen sollte

so alt wie der Mammut-Baum werden zu dürfen

zu dessen Krone sie den Hals verrenkt

Wie jung ist doch der Pianist!

Er lässt Chopin wie Schaumwein perlen

Heut Abend gönn ich mir ein Gläschen

denkt Anna

Chopin zieht wieder mal ein Lächeln über alle Tränen

Wenn’s doch nur abends 

nicht so früh schon kühler würde


(aus Jürgen Schwalm: Arm in Arm und Wort für Wort) 








 

Samstag, 16. August 2025

Du hast das Einhorn eingefangen


 Eva Schwieger - von Alten: Exlibris mit Einhorn und Äskulapnatter für Jürgen Schwalm




Jürgen Schwalm

Du hast das Einhorn eingefangen

In memoriam Berthild


Du hast das Einhorn eingefangen 

und über Milchstraßen 

am lockeren Zügel 

bis zum Saum der Nacht geführt.

Tau netzte die bebenden Nüstern.

Du trugst dein Sternentuch. 

Als der Morgen kam 

hast du den Knoten gelöst. 

So hell wurde der Tag und so gesprächig. 

Korn für Korn 

zupfte das Tier 

mit weichen Lippen 

von deinen Fingerspitzen 

und schmiegte sich in den Honig deiner Worte.






Freitag, 8. August 2025

Wär ich doch König auf deinem Zaun

Heinrich Schwieger-Uelzen: Blumengarten, Aquarell, 1974, in: Jürgen Schwalm, Heinrich Schwieger-Uelzen, Eva Schwieger-von Alten: Schwingen, Verlag Th. Breit, Marquartstein 1984


Jürgen Schwalm


Wär ich doch König auf deinem Zaun


Dein Garten vorm Haus 

trägt viele Beeren auf dem grünen Rücken.

Zinnien mit steifem Kreuz 

paradieren bis zur Pforte 

unter Schotenknall und Asternsalut.

Wicken und Winden winken.

Vögel versammeln sich auf den Beeten 

schwatzend zur Mahlzeit:

Wär ich da doch dabei 

als König auf deinem Zaun.






 

Freitag, 1. August 2025

Venus

Jürgen Schwalm: Epitaph für Max Ernst (1891-1976), Collage, 2006

 

Jürgen Schwalm


Venus

Max Ernst in memoriam


Im schwarzen Gehäuse 

drehen die Räder der Nacht 

den Mond an


In seinem Schatten 

wartet der Tod 

dass die Liebe im Licht 

von ihm träumt 


Es stirbt sich leicht 

im Kometenaufstieg


Das Lager wölbt sich weiß 

und das Hochzeitstuch 

trägt die Farbe des Endes






Sonntag, 27. Juli 2025

Cold Cream

Heinrich Schwieger-Uelzen: Drei Damen, eine Zigarette und ein Monokel, Tuschzeichnung, 1935.- Zusammen mit dem Gedicht Cold Cream von Jürgen Schwalm in: Jürgen Schwalm, Heinrich Schwieger-Uelzen und Eva Schwieger von Alten "Schwingen", Verlag Th. Breit, Marquartstein 1984 


Jürgen Schwalm

Cold Cream

Hinterm Schatten der Sonnenbrille 
eine Welt nach Schnittmustern 
Knitterfreies Lächeln und verzuckerte Tränen 
nach Gebrauchsanweisung dosiert 
Liebe vom Frauenarzt maßgeschneidert 
Ehe nach dritter Anprobe 
Scheidung ganz in Rosa 
Mit der Rente auf Reisen nach Tortenrezepten







Samstag, 19. Juli 2025

Fuge für einen Garten und Regenwetter

Heinrich Schwieger-Uelzen: Garten bei Regenwetter, Aquarell, 1941, in: Jürgen Schwalm, Heinrich Schwieger-Uelzen und Eva Schwieger-von Alten "Schwingen"; Theodor Breit Verlag Marquartstein 1984



 Jürgen Schwalm

Fuge für einen Garten und Regenwetter


INTRODUCTIO: 

Schnirkelschneckenpost 

quer über das Blatt

Grüße von Beet zu Beet 

Fromme Schleimspur 

vom Regen bringt Segen 

Die Blechtrommeln der Dachrinnen  

bis ins grüne grüne Grass


VIVACE: 

Quer durch die Windlade 

Tropfen aus allen Registern 

in geplusterte Federn 

Kopf unterm Flügel und die Botschaft dazu


ANDANTE: 

Lange weitergeschnirkelt 

mit dem Posthorn immer dabei

 Der Kuss italienisch 

do re mi 

das mi sehr lang und noch ein feuchter Kuss 

Da wächst dem Rasen Halm um Halm 

Versprochen ists 

und richtig durchgeführt 

und sehr verschwiegen tief im Garten


FINALE: 

Nach der Fermate

endlich C-Dur 

eine Amselstimme 

durchsichtig wie der Abend 

bereit zur Reise in die Sterne 














 





 

Samstag, 12. Juli 2025

Dum spiro spero

 

Heinrich Schwieger-Uelzen: Dicker Baum, Tempera, 1964, in: Jürgen Schwalm, Heinrich Schwieger-Uelzen und Eva Schwieger-von Alten: Schwingen, Th. Breit-Verlag 1984



Dum spiro spero = Ausspruch von Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr. - 43 v. Chr.): „Solange ich atme, hoffe ich“.







Samstag, 5. Juli 2025

Die Hoffnung


                      Jürgen Schwalm: "Das alte Lied", Hinterglasmalerei, 2007


…Lassen wir das Pendel weit schwingen zum Schmerz und zur Freude, auf den Bögen, die es unterm Weinen und Lachen ausschaukelt, kehrt es immer wieder zurück zum unveräußerlichen ICH. –

Aber: Es gibt sie, die Sternstunde der Resonanz. Und weil das ICH doch nie die Hoffnung verliert, das DU zum Mitschwingen zu bringen, werde ich nie aufhören, zu DIR zu sprechen, an DICH zu schreiben. 

Denn wir ersehnen, solange wir leben, die Erfüllung unseres Traumes, erhoffen uns aus dem N E B E N E I N A N D E R  das Z U E I N A N D E R -, und wenn auch nur für Augenblicke…

Jürgen Schwalm










Samstag, 28. Juni 2025

Flugschrift

 


Jürgen Schwalm: Die Augenweide, Hinterglasmalerei, 2019

 

Jürgen Schwalm


Flugschrift

Auf meinen geschlossenen Lidern

 die Sonne – 

transparentes Rot –

vor den Lichtspeeren 

flattern meine Wünsche 

von den Netzhautbäumen –

sie suchen den Glaskörper durchdringend 

die Weite –

ritzen den Himmel – 

schreiben ihre Sehnsucht 

in die Mittagsblendung


(in: Jürgen Schwalm, Aus Nimmermehr ein Immermehr, Breit-Verlag, 1977)











Freitag, 20. Juni 2025

Rosita Serrano

Das schwarze Herz der Mohnblüte, Foto: Jürgen Schwalm

 Rosita Serrano 

Auch in diesem Jahr blühte unbeirrt der rote Mohn. Ach, die Metaphern vom Mohn in Märchen, Sagen, Geschichten und Gedichten: Mohntraumrot sind die Traumschläge zwischen den Lidschlägen; das Glück verblüht wie der Mohn; Schlaf-Mohn; Traum-Mohn; roten Mohn trugst du in deinem Haar, als wir Abschied nahmen; die Schnittermädchen des Himmels streuen Mohnblüten aus, wenn der Tod naht.

Der getuschte Nolde-Mohn: Ein Bauerngarten, in dem der Mohn nicht gezähmt wird, sondern seine rote Klage in den schweren Himmel schreien darf. Gelb fällt der Giftregen der Zeit, aber eine Blüte zündet die
Götterdämmerung.

Mein Großvater hat vor neunzig Jahren das Bild einer norddeutschen Landschaft gemalt: Unter einem tief herabgezogenen Himmel wiegen sich Kornfelder im Wind, vor denen Mohnfackeln flackern. Ich bewun-derte das Bild schon als Kind.

Maikäfer flieg, es war einmal ein Krieg, und mein Vater war längst im Krieg, und es war einmal ein Wunschkonzert, und Pommernland war noch nicht abgebrannt. Da saß ich vor dem Radio und hörte einer jungen Künstlerin zu, die ein Lied sang vom Mohn. Meine Schwestern tadelten ihre schwache und kleine Stimme. Aber die Stimme muss doch voll Zauber gewesen sein, denn während sie mich zärtlich berührte, konnte ich am reifenden Kornfeld auf Großvaters Bild entlanglaufen und durfte die Töne des Liedes als leuchtende Blüten pflücken. 

Schließlich hielt ich einen Strauß in der Hand, Blütenklänge, rot wie Blut. Blüten verwelken. Aber Lieder können überdauern.

Unser Haus versank in Schutt und Asche. Doch ich grub meine Erinnerungen aus den Trümmern und wusch den Staub auch von meinem kleinen Lied. Ich lasse es auch heute noch ab und an erklingen. Dann bin ich wieder der Junge, der die mohnroten Blüten seiner frühen Tage einsammelt, die eine junge Künstlerin einst über sein Kornfeld streute: Rosita Serrano und ihr roter Mohn.

Sie kam aus einem Land, so fern wie der Mond, das Chile hieß, und man nannte sie die chilenische Nachtigall, und deswegen konnte sie sich, während sie sang, in eine Lerche verwandeln, die über den tiefblauen Himmel des großväterlichen Bildes flog, und ich erfuhr von der Lerche, die eigentlich eine Nachtigall war, dass eines Tages auch auf Großvaters Bild das Korn gemäht und die Mohnblumen geköpft werden würden:

Roter Mohn,
warum welkst du denn schon,
wie mein Herz sollst du glüh‘n
und feurig loh‘n ...

Es war einmal eine Zeit, in der ich noch wenig wusste und doch schon so viel ahnte, in der meine Sehnsüchte wuchsen und sich gestalten wollten.

Da sang eine junge Künstlerin, die Rosita Serrano hieß, ihr kleines Lied vom roten Mohn, und der Junge war sich sicher, dass sie es eigentlich nur für ihn sang.

Ein Kind fragt nicht nach dem Wert oder Unwert der Dinge; es hat keine Skrupel, sich das Baumaterial für seine Träume überall zusammenzusuchen; es spielt mit Glasscherben wie mit Edelsteinen; entscheidend ist die Verheißung im bunten Gefunkel. Es sieht in allem ein Geheimnis, ein Abenteuer, ein Versprechen. Es hält sich für unsterblich. Es verachtet die Vernunft und die Realität und könntedeswegen den Erwachsenen zeigen, wie man überlebt.

Jürgen Schwalm

 

 

 

 

Freitag, 13. Juni 2025

Engel und Teufel

Umschlagentwurf von Eva Schwieger-von Alten für den gemeinsam mit Jürgen Schwalm gestalteten Band "Schwingen", Breit-Verlag Marquartstein, 1984

 

 

Jürgen Schwalm

 Engel und Teufel

Engel und Teufel sollten schon längst ihre Attribute getauscht haben:
Flügel und Pferdefuß.

Denn die Teufel haben in Windeseile alle Gegenden überflogen, bevor
die Engel diese mit sorgsam kontrollierten Schritten überhaupt erreicht
haben, mögen sie auch noch so laut Alleluja rufen.