Freitag, 16. September 2022

Goethe in Nöten

„Der Karneval des Lebens“. – Masken in der Auslage eines Souvenirladens in Verona. – Foto: Jürgen Schwalm, 2009

Goethe in Nöten

In seiner „Italienischen Reise“ schilderte Goethe eine Episode, die viele amüsiert hat, deren Berichterstattung aber einige Damen seiner Umgebung damals höchst unschicklich fanden.

Goethe betrat am Gardasee eine Herberge und fragte den Wirt, wo man denn hier einmal könne…

Der Wirt gab mit vager Gebärde den Hinweis: „Da unten!“

Goethe wollte es denn doch etwas präziser wissen und fragte nach: „Wo da unten?“

Der Wirt antwortete: „Überall da unten!“

(berichtet nach den Erstausgaben von J.W. v. Goethes „Italienischer Reise“)

 

 

 

 

Freitag, 9. September 2022

Die Pflanze und ihr Leben


 

Und der Mensch der Pflanzenwelt gegenüber? Mannigfach verändernd hat er eingegriffen und die großen Phasen seiner Geschichte sind auch auf dem grünen Blatte der Vegetation verzeichnet. Aber wie hat er gewirthschaftet? … Nun ja, wir wollen ihm den Ruhm nicht abstreiten, daß da, wo Eigennutz und thierisches Bedürfniß ihn trieben, sich wohl der Einzelne auf seinen Vortheil verstanden hat, aber dann mit Mitmenschen und Nachwelt nur gezwungen durch Naturgesetze den erlangten Vortheil theilend. Hingegen da, wo kein augenblicklicher Vortheil für ihn im Unterstützen der Natur oder auch nur im Schonen derselben lag, wo es sich ja nur um das Elend von ein Paar Millionen Nachgeborner handelte, hat er mit barbarischer Rohheit zerstört und vernichtet, auf Jahrtausende hinaus oft nicht nur ihm, sondern auch seinen Nachkommen verliehenen Segen Gottes liederlich verschleudert. Und hat er sich bemüht, den Tempel Gottes zur allgemeinen Verehrung zu schmücken und zu heiligen? O nein, bei seinem eigennützigen Treiben, bei den Kummerthränen des durch seine Schuld elend gewordenen Bruders, bei dem Heulen des gepeitschten Sclaven war ihm die beständige Erinnerung an Gott unangenehm und störend, er erklärte das Wehen des göttlichen Odems in der Natur für ein Ammenmährchen, um nicht mehr durch sein Gewissen erschreckt zu werden. Die Schönheit, der Ausdruck des Göttlichen in der Natur verschwand vor der eigennützigen Ausbeutung der Pflanzenwelt und höchstens, engherzig nur für sich sorgend, grenzte sich der Einzelne ein Räumchen ein, in dem er die Schönheit der Natur nicht als Cultus, sondern als Sinnenreiz pflegte. Das sind bis jetzt die Thaten der Menschen, nach Jahrtausenden hoffen wir Besseres berichten zu können…Aber spottend möchten wir dem Geschrei über unsere hohe Bildung entgegentreten, da doch jede ernste ethische Betrachtung der Geschichte uns sagen könnte, dass wir uns kaum etwas aus dem Koth der tiefsten Erniedrigung und Rohheit hervorgearbeitet…

Dies ist ein nach wie vor aktuell gebliebenes Zitat aus dem erstmals 1848 in Leipzig erschienenen Buch „ Die Pflanze und ihr Leben“ von Matthias Jakob Schleiden (Hamburg 5.4.1804 -23.6.1881 Frankfurt /Main), Prof. der Botanik in Jena, 1863-1866 Prof. der Botanik und der Anthropologie in Dorpat. Schleiden lehrte, dass alle Pflanzenteile aus Zellen bestehen und dass sich der embryonale Pflanzenorganismus aus einer Zelle entwickelt, eine damals epochale Erkenntnis.

Ein Exemplar des Buches „Die Pflanze und ihr Leben“ befand sich auch in der Bibliothek meines Urgroßvaters Georg Dragendorff (Rostock 20.4.1836 – 7.4.1898 Rostock), Prof. der Pharmazie an der Universität Dorpat (1864-1894).

Das Exemplar, aus dem ich zitiere, wurde mir im Juni 1977 aus Magdeburg von dem Anatom und Neurobiologen Helmke Schierhorn (1934-1986) geschenkt.

Das Buch von Schleiden enthält 5 farbige Tafeln und 13 Holzschnitte, die vom Autor gezeichnet und in der Lithographischen Anstalt von J. G. Bach in Leipzig reproduziert wurden. Auch das oben wiedergegebene Titelblatt stammt von Schleiden.

Jürgen Schwalm

 

 

 

 

Freitag, 2. September 2022

Schallgehäuse


Jürgen Schwalm: „Entwurf einer Akropolis“, Collage, 1992

 

Jürgen Schwalm 

 

Schallgehäuse

 

Die Zeit: Ein Meer aus Glas

und abgesunken im Ultramarin

meine südlichen Orte

am Grund der Träume

 

Weiße Häuser an steilen Wegen

und an die oberste Mauer gepresst

da wo das Licht noch fließt

flüstert eine unermüdliche Heilige

Gebete für ertrunkene Tage

in das schimmernde Ohr der Muschel

 

 

 

 

(aus: Griechische Zeilen)

 


Freitag, 26. August 2022

Ikaros

Jürgen Schwalm: „Ikaros“, Collage, 2021



Jürgen Schwalm

Ikaros

Nun lass dein buntes Gefieder singen, geliebter Seelenvogel, tiefvertrauter, du, und jage die Wolken für mich in die Flucht. Nimm mir den Nebelwürgegriff vom Hals und zieh mich aus der Betäubung hinauf zum geschliffenen Licht. Deine wilden Schreie dringen auch aus meiner Kehle. Flieg auf und trink die Sonnenschalen leer für mich. Ich war verloren, doch du hast mich gefunden. Du hast mich gerettet und bei dir aufgenommen. Beschwingt waren deine kühnen Schultern, als du mich mit dir in unseren Himmel nahmst. Nie mehr fürchte ich seitdem die Tiefen, weil ich einmal mit dir das Ziel erreichte. Tropfte droben auch das Wachs aus deinen Flügeln, Ikaros, mein Seelenvogel, du, ich ängstigte mich längst nicht mehr, als deine Schwingen auseinander fielen, weil deine Arme mich umschlangen, indem du mit mir abwärts glühtest. Im Sturz trafst du mein Herz als Brandfackel. Wir landeten und waren zu uns heimgekehrt. Der Schatten unserer Lagunenstadt schützt unser Geheimnis: 
Einst werden wir wieder gemeinsam schweben 
im Licht.

 

 

 

 

 








 

 

 

Freitag, 19. August 2022

Das Henkelkreuz

Jürgen Schwalm: Das Henkelkreuz. Hinterglastechnik, 2019. Die Schleife des Kreuzes ist mit Rot ausgefüllt als Farbe des Lebens und der Liebe. Das Kreuz führt aus dem Schwarz der Nacht und des Todes zum Weiß des Tages und des Lichtes.

Jürgen Schwalm: Der Schutzengel. Hinterglastechnik 2019. Das Henkelkreuz diente als Motiv für den Engel.


 Das Henkelkreuz

Es ist ganz falsch, bei der Beschäftigung mit der altägyptischen Theologie das Augenmerk allzu sehr auf den Totenkult zu richten. Alle beim Totenkult eingesetzten komplizierten Rituale und alle Beschwörungen aus den Totenbuch-Texten galten nicht der Verherrlichung des Todes, sondern dem Abschied vom Tod.

Auch bei den alten Ägyptern stand nicht der Tod im Zentrum des Glaubens, sondern der entscheidende Weg zum Glück und zur ewigen Seligkeit führte immer aus dem Todesschatten ins Licht, und das Licht war das Leben.

Darin unterschied sich die altägyptische Religion gar nicht entscheidend von der christlichen, und tatsächlich hat das Christentum Bilder aus der altägyptischen Glaubenswelt übernehmen beziehungsweise umdeuten können (Beispiel: Isis und der Horusknabe wird zur Maria lactans mit dem Jesuskind).

Das Symbol für das ewige Leben war bei den Ägyptern das Henkelkreuz     (= das Anch-Zeichen, die Crux ansata, die Lebensschleife). Das Henkelkreuz wurde als koptisches Kreuz zum Symbol der koptischen Kirche und damit wie jedes Lebens- und Lichtzeichen auch ein Symbol für die Liebe als lebenserneuernde Kraft und Macht.

Jürgen Schwalm

 

 

 

 



 

Freitag, 12. August 2022

Liebe

„Stein-Paar“. Zwei Buchstützen, aus einer großen Amethyst-Druse geschnitten, halten den Sammelband „Das heiße Raubtier Liebe – Erotik und Surrealismus“, herausgegeben von Heribert Becker.

 

Jürgen Schwalm 

 

Liebe

Wir hatten uns gekannt,

bevor wir uns begegneten,

wir hatten uns längst begrüßt,

umarmt,

geküsst,.

geliebt.

Als wir uns trafen,

war es nur ein Wiederfinden.

 Der Raum war aufgebaut,

die Zeit bestimmt.

Wir wussten jedes Wort,

das wir sagen würden,

bis die Worte überflüssig wurden,

bis es kam, wie es kommen musste,

das Tasten,

das Berühren,

das Durchdringen,

bis wir gemeinsam

 wieder im Anfang versanken

zum Neubeginn.

 

 

 

 

 

Freitag, 5. August 2022

Sommermittag

Jürgen Schwalm: „Erinnerung an Rhodos“, 2005. Schaukasten mit Glasmalerei und einem weißen Kochlaki-Kiesel aus Rhodos

 

Jürgen Schwalm

Die Musik ist mit der Lyrik eng verwandt. Lyrik kann Musik sein und Musik lyrische Dichtung. In meinem Gedicht „Sommermittag“ erklingt mit dem Satz „Fern der Horizont hat ganz vergessen, dass sein Blau schon längst der Himmel ist“ eine frühe Inspiration, die ich in späteren Gedichten lyrisch variierte:

 

Sommermittag

Röstet am Ufer Sand und Tang,

wird das Meer zur Sonnentränke.

Die Luft verflirrt im Möwentanz.

Fern der Horizont hat ganz vergessen,

dass sein Blau schon längst der Himmel ist.

 

(geschrieben 1954)