Sonntag, 29. Oktober 2017

Kerameikos



Jürgen Schwalm: “Kerameikos”, Assemblage 
(antike griechische Theatermaske, antike griechische Münze), 2017

Jürgen Schwalm

Kerameikos

Eine Scherbe
unter den Opferflammen der Zypressen,
die Maske
die mein Gesicht war:
Tragische Braue und lächelnder Mund.

Ein Xylophon klöppelt mit Knöcheln.

Nimm, was blieb, aus dem Staub,
damit der Totentanz endet.

(aus: Griechische Zeilen)


Samstag, 21. Oktober 2017

In meiner schmalen Kajüte

Jürgen Schwalm: “Santorin”, Pastellfarben, 2016 



Jürgen Schwalm

In meiner schmalen Kajüte

In meiner schmalen Kajüte
trommle ich,
Alpha, Beta, Gamma,
was die Tasten der Schreibmaschine herausschlagen,
spanne die Seiten,
meine weißen Segel,
zwischen Delta und Epsilon.
Da schwanken
die Planken.
Ich muss alles festzurren
mit Seemanns-Tau und -Garn,
sonst stolpere ich
über die orthographischen Fehler
auf meine vier Buchstaben
und in die Kombüse,
wo Griechisch, Englisch und Deutsch
in einem Topf zusammengerührt wird.
"My name is Georgios",
skandier ich für Niko,
und er antwortet:
"Ah Georgios,
that's the greatest Greek saint.
I will show you the Sirtaki,
du deutscher Heiliger,
hör auf zu schreiben,
tanze von Alpha nach Omega,
tanze!"

(aus: Griechische Zeilen)



Samstag, 14. Oktober 2017

Aus der griechischen Sagenwelt


Jürgen Schwalm: “Denkmal für Pegasos”, Zeichnung des Objektes 
(perforierter Bohrkern aus Sandstein, Hufeisen, Flügelpaar), 2017


Aus der griechischen Sagenwelt

Als Perseus der Gorgo Medusa das Haupt abschlug, erhob sich aus ihrem Blut das Flügelross Pegasos. Nach einer Version der Sage stieg Pegasos sogleich zum Himmel empor, wo er dem Zeus den Blitz trägt und den Donner. Nach einer anderen Version wurde er von Bellerophon eingefangen und beim Kampf gegen die Chimaira eingesetzt. Durch den Hufschlag des Pegasos entsprang auf dem Gipfel des Helikon die den Musen geweihte Quelle Hippokrene.


Sonntag, 8. Oktober 2017

Delphi


Jürgen Schwalm: “Der Eingang zum Hades”, Fotostudie, 2017


Jürgen Schwalm

Delphi

Den Nabel der Welt 
entsorgte die Zeit.
Alle Planeten
gerieten aus den Bahnen.
Quellen versiegten.
Oliven verstaubten.
Steinschwere Quader
stopften der Erde das Maul.
Das Dreifußorakel
nennt keine Gewinner mehr.
Alle Stufen führen nur noch hinab,
und die Nacht siegt immer.

(aus: Griechische Zeilen)



Samstag, 30. September 2017

Aus der griechischen Sagenwelt

 

Jürgen Schwalm: “Prometheus”, Objekt (Quarzgestein, Eisenkette), 2017. 
Foto und Zeichnung




Aus der griechischen Sagenwelt

Prometheus gehört zwar dem Göttergeschlecht der Titanen an, ist aber der Herrschaft des Göttervaters Zeus unterworfen. Als er bei einem Tieropfer das Fleisch für die von ihm geschützten Menschen behält, die wertlosen Anteile jedoch Zeus überlässt, verweigert dieser den Sterblichen den Besitz des Feuers. Daraufhin entwendet Prometheus den Göttern das Feuer und bringt es den Menschen. Deswegen wird er auf Zeus’ Befehl gefesselt und an einem Felsen des Kaukasusgebirges festgeschmiedet. Dort sucht ihn regelmäßig ein Adler auf, der von seiner Leber frisst, die sich danach stets erneuert. Erst nach langer Zeit erlöst Herakles den Titanen von dieser Qual, indem er den Adler erlegt. Schließlich wird Prometheus von Zeus begnadigt, kehrt in den Olymp zurück und lebt fortan als weiser Ratgeber mit den Göttern.











Sonntag, 24. September 2017

Almanach deutschsprachiger Schriftsteller-Ärzte, 40. Jahrgang


Jürgen Schwalm am 29. Januar 1952 als Student der Medizin 
in Freiburg/Breisgau. Karikatur von Günter Freudenberg









 
In der Verlagsgesellschaft W.E. Weinmann Filderstadt erschien der 40. Jahrgang (auf das Jahr 2018) des Almanachs deutschsprachiger Schriftsteller-Ärzte, herausgegeben von Dietrich Weller. Jürgen Schwalm publizierte darin die Erinnerungen an seine Studienzeit in Freiburg im Breisgau in den Jahren 1951-1953.

Behäbig und trachtenstimmig behütet schmiegte sich einst das Land an die Berge und in die dunklen Waldsäume. Damals kniff man in Apfelbäckchen und schmauste Mehlgrütze. Jetzt werfen die letzten Schindelhäusel nur noch schiefe Schatten. Das Operetten-Strohblond des Schwarzwaldmädels wurde grau. Der Wanderschuh kam aus dem Takt. Aber unbeirrt feiert nach wie vor der filigrane Münsterturm seine himmlische Hochzeit.




Samstag, 16. September 2017

Vermächtnis

Jürgen Schwalm: “Weit über das Meer”, Fotostudie, 2007




Jürgen Schwalm

Vermächtnis

für meine liebe Frau zum 16. September 2017

Leuchtende Inseln 
weiß über satten Fluten
mit dir gefunden
mit dir gesehen:
Du bist das Mal meiner Augen

Blaue Meeresworte
durch dich noch einmal
dem Himmel vorgebetet:
Du bleibst der Spruch meiner Lippen

Nah und vertraut
rühr ich dich an
und das Blut meiner Erinnerung
tropft von deiner Schläfe
(aus: Griechische Zeilen)