 |
| „Eine bunte Geschichte“ – Die Kalksinterterrassen (Wassertemperatur
60 Grad) in Karahayit bei Pamukkale /Türkei – Foto: Jürgen Schwalm, 1987 |
Jürgen Schwalm
Des Sultans Entscheidung
Es war schon tief in der Nacht, als ich mir ein Taxi
bestellen ließ, das mich nach Hause bringen sollte. Der Fahrer, der mich
beobachtet hatte, wie ich alter Greis den Gehweg heranhumpelte, verstaute mich
auf dem Beifahrersitz, indem er mich mehr trug als dass er mich schob,
schnallte meinen Gurt fest und fuhr los. Schon nach den ersten Metern streifte
mich sein prüfender Blick, der mit einem Lächeln endete: Er hatte dankbar
registriert, dass ich geeignet war, seine Lebensphilosophie anzuhören, die, wie
sich bald herausstellte, aus allen Weltreligionen wundersam zusammengefügt war.
Die Wegstrecke nach Hause war eigentlich gar nicht so lang, und ich amüsierte
mich, dass der Fahrer immer langsamer fuhr, weil er sich die Freude nicht
nehmen lassen wollte, mir seine Geschichten ungekürzt vorzutragen. Hinterher
dachte ich: Wäre die Mehrheit der Menschen so einsichtsvoll wie dieser Mann,
ginge es auf der Welt viel einträchtiger und verträglicher zu.
Zunächst berichtete der
Fahrer, dass seine Eltern aus der Türkei nach Deutschland kamen. Dann tippte er
auf sein neben dem Steuer montiertes Handy und zeigte mir die Bilder seiner
Kinder in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstadien. – „Ich arbeite und
lebe für meine Kinder“, sagte er. „Ich versuche, ihnen den richtigen Weg in das
Leben zu zeigen, auch wenn sie es mir jetzt noch nicht danken. Ich erzähle
ihnen die Geschichten, die mir schon mein Vater erzählte, und der hatte sie
bereits von seinem Vater gehört. – Jeder Mensch“, fuhr er fort, „hat auf der
rechten Schulter einen Engel sitzen und auf der linken einen Teufel. Der Teufel
flüstert dem Menschen ins Ohr, immer wieder Böses zu tun, faul zu sein, sich
nur den Freuden des Lebens hinzugeben, Lastern und Leidenschaften zu frönen,
Alkohol zu trinken und sich mit Drogen zuzudröhnen. Aber der Mensch sollte auch
auf seine rechte Schulter blicken und auf seinen Engel hören, der da sitzt, und
er sollte gute Werke tun und den Armen ihren Anteil geben, damit er am Ende zu
Gott kommt und aufgenommen wird in das Paradies. - Und ich möchte Ihnen noch
eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Sultan, der war so alt wie Sie und
wollte sein Herrscheramt in jüngere Hände geben. Da bestellte er alle, die ihm
für dieses Amt geeignet schienen, nacheinander zu sich und ließ vorher zu jedem
sagen: ‚Komm an diesem Tag und zu dieser Stunde zu mir und bringe ein Huhn
mit.‘ Und der erste Kandidat nahm sein schönstes Huhn und schlachtete es und
gab es beim Empfang dem Sultan. Da sprach der Sultan: ‚Was bringst du mir ein
totes Huhn‘, und schickte den Mann fort. Und er bestellte den zweiten
Kandidaten zu sich, aber der machte es wie der erste, und der Sultan schickte
ihn mit der gleichen Bemerkung auch fort. Und so ging die Suche weiter. Und
dann kam der letzte Bewerber an die Reihe. Auch der nahm sein schönstes Huhn,
aber er machte es dem Sultan lebend zum Geschenk. Und da sprach der
Sultan: ‚Du wirst mein Nachfolger sein,
denn ich sehe, du achtest das wertvollste Gut, das es auf Erden für jede
Kreatur gibt, für den hässlichen Maulwurf in der Erde und den schönen
Schmetterling in der Sommerluft. Du achtest das wertvollste Gut: das Leben‘.“
Damit war ich vor meinem
Haus angelangt, und nach dem Aussteigen nahm der Fahrer mit festem Griff meinen
Arm und sagte: „Sie müssen keine Angst haben, alter Mann, ich bringe Sie zu
Ihrer Haustür; Sie können nicht fallen, weil ich Sie halte.“ Und als ich im
Haus war, dachte ich dankbar: Er hat mich nicht nur gehalten, er hat mich die
ganze Fahrt hindurch lehrreich unterhalten.