Freitag, 11. März 2022

Über das Menschliche im Göttlichen

Bronzekopf einer Statue des Zeus, attisch, Anfang des 5. Jh. v. Chr. Fundort: Olympia. Nationalmuseum Athen

 

Jürgen Schwalm

Über das Menschliche im Göttlichen

Es ist das Menschliche im Göttlichen, was uns an der Verhaltensweise der alten  griechischen Götter bewegt und fasziniert. Die Götter liebten und hassten wie wir. Dass sie nicht sterben mussten, war das Wesentliche, was sie von den Menschen (und allen lebenden Kreaturen) unterschied. Die Unsterblichkeit ersehnen sich die Menschen so sehr, dass sie die komplizierten Gedankengebäude der Religionen erfanden, mit denen sie sich trösten wollten. Die Künstler zeigten in den Gesichtern der Götter menschliche Leidenschaften, damit die Menschen sehen konnten und darauf vertrauen sollten, dass die Götter ihre Nöte, Wünsche und Erwartungen verstehen. Die griechischen Götter der Antike waren erreichbar und ansprechbar, die Aktionen des über Allem thronenden, unerreichbar fernen, nicht abzubildenden Gottes der Christen waren dagegen nicht nachvollziehbar und – zugespitzt formuliert - unmenschlich. Dass alle Götter diktatorisch handelten, sahen die Menschen noch am ehesten ein, weil sie selbst von jeher die unerbittlichsten Diktatoren waren, auch wenn sie sich für überzeugte Demokraten hielten. 

 

 

 

 

  

 

Freitag, 4. März 2022

Die Tagebücher des Bonner Geographieprofessors J.J. Rein

 

 


2020 und 2021 erschienen als Band 37 und 38 der Reihe Colloquium Geographicum des Geographischen Institutes der Universität Bonn:  Japan 1873-1875; Die Tagebücher des Bonner Geographieprofessors Johannes Justus Rein, Band 1 und Band 2, herausgegeben von Tobit Nauheim, Shigekazu Kusune und Winfried Schenk, E. Ferger Verlag , Bergisch Gladbach. Bei der Transkription der handschriftlichen Eintragungen meines Urgroßvaters J.J. Rein wurden die Eintragungen mit ausführlichen Erläuterungen und Kommentaren versehen.

Unter dem Datum 6.7.1874 vermerkt Rein bei der Erkundung des Hakusan: „Etwas höher aufwärts auf rechter Flussseite dicht am Pfad überlagert Breccie  (Sandsteinbreccie) dunkle Schiefer mit Blatt- und Farnkrautabdrücken, wovon ich Einiges sammle…“ Diesen Fund sandte Rein an seinen Freund, den Paläobotaniker Hermann Theodor Geyler (1835-1889), nach Frankfurt /Main, der die Fossilien bestimmte. Auf diese Weise gelang die erste paläontologische Fundbestimmung in Japan. Geyler benannte eine dabei entdeckte Pflanzenart nach Rein: Podocarpus Reinii. Die Funde aus Kuwajima / Shiramine-mura / Ishikawa stammen aus der Kuwajima-Formation der frühen Kreidezeit und sind ca. 140 Millionen Jahre alt. Ein Belegstück von Podocarpus Reinii befindet sich in meiner Fossiliensammlung. Die Fossilienwand von Kuwajima wurde 1957 zum Nationalen Naturdenkmal erklärt. Am 18. 7. 1981 wurde in der Nähe der Fundstelle in Shiramine-mura ein Denkmal für J. J. Rein errichtet. 1882 wurde eine Gesellschaft zu Ehren Reins gegründet, die „Rein Hakase Kensho Kai = Dr. Rein-Gedächtnis-Gesellschaft“, die jedes Jahr ein Rein-Fest in Shiramine-mura feiert und jährlich die Zeitschrift „Rein-matsuri = Rein-Fest“ herausgibt. Kuwajima-mura wurde 1889 ein Ortsteil von Shiramine-mura und Shiramine-mura 2005 ein Ortsteil der Stadt Hakusan.1986 war ich Ehrengast in Shiramine-mura, und 2000 war ich dort noch einmal mit meiner Frau zur Eröffnung des ab 1997 erbauten „Rein-Tunnels“ eingeladen.

Die Photographien zeigen Portraits 1. meines Urgroßvaters Johannes Justus Rein (1835-1918) und 2. meiner Urgroßmutter Maria Elisabetha Caroline (Rufname: Elise) von Rein (1837-1896). J. J. Rein heiratete Elise von Rein (beide Familien haben keine verwandtschaftlichen Beziehungen) 1864 in Reval = Tallinn. Die Aufnahme meiner Urgroßmutter Elise entstand um 1864, die Aufnahme meines Urgroßvaters ebenfalls zu dieser Zeit.                                                                                      

Jürgen Schwalm

             



 

Freitag, 25. Februar 2022

Der Schauspieler...

Jürgen Schwalm: „Konflikt und Lösung“, 1954.- Fotomontage von Otti Zacharias (1906-1981), die ein Fotostudio am Alten Markt in Kiel führte und als Porträtfotografin von Musikern, Schauspielern und Politikern international geschätzt wurde. 1967 erhielt sie für ihre Porträtkunst eine Goldmedaille vom Museum of Modern Art in New York.

 

Der Schauspieler ist eine Fehlgeburt,

erst durch die Rolle wird er wirklich geboren

sagte der heute nahezu vergessene Martin Kessel (1901-1990),

Georg Büchner-Preisträger von 1954

 

 

 

 

Freitag, 18. Februar 2022

Fächer aus Shiramine /Japan. Sammlung und Foto: Jürgen Schwalm

 

Jürgen Schwalm

Es war einmal

 

Es war einmal: 

Sehnsucht, die sich Träume schuf,

und alle Träume wurden Lieder.

Nun verströmen Verse aus einem Herzen,

das klug ist in seinem Schlaf,

und wir sollten es nicht wecken,

damit es sich und uns träumend erlöst.

Lasst uns nicht länger in den Kathedralen frösteln,

die der Verstand vermessen hat

und deren Kreuzblumen uns den Himmel doch nicht näher bringen.

Diese aufgetürmten Steine sind der schweigende Tod,

aber das träumende Herz ist das tausendfältige Leben

und spricht für uns aus allen Welten wahr.

 

(Vorwort für Marianne Junghans: „Muscheltraum und Sterngesang“,

neusurrealistische Gedichte, 1979)

 

 

 

 

Freitag, 11. Februar 2022

Zitate aus dem Artikel von Hermann Hofer in den Lübecker Nachrichten vom 29.01.2022

Jürgen Schwalm: „Sternbild Aquarius = Wassermann“, „Wasser und Feuer“, Hinterglastechnik, 2013

 

Zitate aus dem Artikel von Hermann Hofer in den Lübecker Nachrichten vom

29. Januar 2022:

Ein Mann des Zweifels und der Ironie – Der Lübecker Arzt und Literat Jürgen Schwalm wird heute 90 Jahre alt

… So kommt es, dass er heute ein ebenso umfang- wie facettenreiches literarisches Werk vorzuweisen hat, in dem jedoch die Lyrik eine Sonderstellung einnimmt. Die schönsten Gedichte des Autors sind oft überschattet von einer gewissen Trauer, die grundiert ist vom Schmerz über die Vergänglichkeit und dem Leiden an den unauflösbaren Rätseln des Daseins. Vor dem finalen Absturz in die tiefe Verzweiflung schützt jedoch ein wirksames Gegenmittel: die letztlich stets durchbrechende Lust am Leben. Diese äußert sich dann auch, ins Poetische verwandelt, im lustvollen Spiel mit der Ironie und Selbstironie. Schwalm ist ein freier Schriftsteller im besten Sinne des Wortes, immunisiert gegen starre Ideologien und verfestigte Weltbilder. Fragen sind ihm lieber als Antworten, Zweifel lieber als Gewissheiten. In seiner Prosa überschreitet der Autor oft die Grenzen der Literatur, um sich darüber hinaus auf wissenschaftlichem Terrain zu bewegen. Seine Interessen dort reichen von der Genealogie und Mineralogie bis zu Themen der jüngeren Geschichte wie den Bücherverbrennungen in der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Zu finden ist im Prosa-Werk auch der Aufsatz „Wort und Bild und Kunst und Leben“, wo Schwalm gewissermaßen sein künstlerisches Credo darlegt. Dessen Dreh- und Angelpunkt ist das symbiotische Zusammenspiel von Literatur, Musik und bildender Kunst. Nicht der Reim ist die formende Kraft in seinen Gedichten, es sind die Sprachmelodie und die Wortbilder…

 

 

 

 

 

Freitag, 4. Februar 2022

90. Geburtstag


 

Allen, die mich bei der von Marina Warnick perfekt arrangierten Feier meines

90.  Geburtstags

durch ihre Aktivitäten (Geschenke, kulinarische Genüsse, wohlgesetzte Worte und musikalischen Einsatz) erfreuten, danke ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich. Da mich alle Zuwendungen mit gleicher Intensität bewegten, werden Sie verstehen, dass ich hier keine Namen aufreihen möchte, weil jede Liste eine Rangordnung suggeriert. Aber man möge mir verzeihen, wenn ich mir dennoch eine Ausnahme erlaube. Hannah Huber, die seit vielen Jahren meinen Blog bereut, hat in monatelanger, intensiver Kopf- und Handarbeit ein Unikat für mich geschaffen, ein Buch, dem sie nach einem Schiller-Zitat den Titel „Raum für alle hat die Erde“ gab. Der als Kunstwerk gestaltete, kostbar eingebundene Band enthält neben Textausschnitten anderer Autoren vor allem Gedanken und Gedichte Hannah Hubers, die sie mit vielen beigehefteten Illustrationen kombinierte, hauptsächlich aber mit ihren Lichtbildern der beseelten Natur, die sie als „Spiegelungen“ bezeichnet und farblich eindrucksvoll umgestaltete. Gerade diese Seiten des schönen Bandes verkünden eine zentrale Aussage des Werkes: In der Natur, in der beseelten Welt der Pflanzen und Tiere, wo alles Kreatürliche seine  Lebensberechtigung hat, beobachten aufmerksame bittende und mahnende Augen unser Verhalten. Sie fordern von uns, künftig besser aufzupassen und rigorose Eingriffe und Veränderungen nicht mehr zuzulassen, denn zerstört ist schon längst viel zu viel.

Jürgen Schwalm
 
 
 
 

Freitag, 28. Januar 2022

Des Sultans Entscheidung

„Eine bunte Geschichte“ – Die Kalksinterterrassen (Wassertemperatur 60 Grad) in Karahayit bei Pamukkale /Türkei – Foto: Jürgen Schwalm, 1987

 

Jürgen Schwalm

Des Sultans Entscheidung

Es war  schon tief in der Nacht, als ich mir ein Taxi bestellen ließ, das mich nach Hause bringen sollte. Der Fahrer, der mich beobachtet hatte, wie ich alter Greis den Gehweg heranhumpelte, verstaute mich auf dem Beifahrersitz, indem er mich mehr trug als dass er mich schob, schnallte meinen Gurt fest und fuhr los. Schon nach den ersten Metern streifte mich sein prüfender Blick, der mit einem Lächeln endete: Er hatte dankbar registriert, dass ich geeignet war, seine Lebensphilosophie anzuhören, die, wie sich bald herausstellte, aus allen Weltreligionen wundersam zusammengefügt war. Die Wegstrecke nach Hause war eigentlich gar nicht so lang, und ich amüsierte mich, dass der Fahrer immer langsamer fuhr, weil er sich die Freude nicht nehmen lassen wollte, mir seine Geschichten ungekürzt vorzutragen. Hinterher dachte ich: Wäre die Mehrheit der Menschen so einsichtsvoll wie dieser Mann, ginge es auf der Welt viel einträchtiger und verträglicher zu.

Zunächst berichtete der Fahrer, dass seine Eltern aus der Türkei nach Deutschland kamen. Dann tippte er auf sein neben dem Steuer montiertes Handy und zeigte mir die Bilder seiner Kinder in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstadien. – „Ich arbeite und lebe für meine Kinder“, sagte er. „Ich versuche, ihnen den richtigen Weg in das Leben zu zeigen, auch wenn sie es mir jetzt noch nicht danken. Ich erzähle ihnen die Geschichten, die mir schon mein Vater erzählte, und der hatte sie bereits von seinem Vater gehört. – Jeder Mensch“, fuhr er fort, „hat auf der rechten Schulter einen Engel sitzen und auf der linken einen Teufel. Der Teufel flüstert dem Menschen ins Ohr, immer wieder Böses zu tun, faul zu sein, sich nur den Freuden des Lebens hinzugeben, Lastern und Leidenschaften zu frönen, Alkohol zu trinken und sich mit Drogen zuzudröhnen. Aber der Mensch sollte auch auf seine rechte Schulter blicken und auf seinen Engel hören, der da sitzt, und er sollte gute Werke tun und den Armen ihren Anteil geben, damit er am Ende zu Gott kommt und aufgenommen wird in das Paradies. - Und ich möchte Ihnen noch eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Sultan, der war so alt wie Sie und wollte sein Herrscheramt in jüngere Hände geben. Da bestellte er alle, die ihm für dieses Amt geeignet schienen, nacheinander zu sich und ließ vorher zu jedem sagen: ‚Komm an diesem Tag und zu dieser Stunde zu mir und bringe ein Huhn mit.‘ Und der erste Kandidat nahm sein schönstes Huhn und schlachtete es und gab es beim Empfang dem Sultan. Da sprach der Sultan: ‚Was bringst du mir ein totes Huhn‘, und schickte den Mann fort. Und er bestellte den zweiten Kandidaten zu sich, aber der machte es wie der erste, und der Sultan schickte ihn mit der gleichen Bemerkung auch fort. Und so ging die Suche weiter. Und dann kam der letzte Bewerber an die Reihe. Auch der nahm sein schönstes Huhn, aber er machte es dem Sultan lebend zum Geschenk. Und da sprach der Sultan:  ‚Du wirst mein Nachfolger sein, denn ich sehe, du achtest das wertvollste Gut, das es auf Erden für jede Kreatur gibt, für den hässlichen Maulwurf in der Erde und den schönen Schmetterling in der Sommerluft. Du achtest das wertvollste Gut: das Leben‘.“

Damit war ich vor meinem Haus angelangt, und nach dem Aussteigen nahm der Fahrer mit festem Griff meinen Arm und sagte: „Sie müssen keine Angst haben, alter Mann, ich bringe Sie zu Ihrer Haustür; Sie können nicht fallen, weil ich Sie halte.“ Und als ich im Haus war, dachte ich dankbar: Er hat mich nicht nur gehalten, er hat mich die ganze Fahrt hindurch lehrreich unterhalten.