Freitag, 10. September 2021

Die Zementtransformierung

Jürgen Schwalm: „Das Verlies“, Collage, 2017

 

Jürgen Schwalm 

Die Zementtransformierung 

Im interplanetaren jahr der kernspaltungen stießen die eltern des krüppelkindes nur noch rote schreie aus / sie erstickten schließlich am blutsturz der worte / da wurden sie nach dem erlass der obersten behörde in den weltraum katapultiert / so wurden alle eliminiert die radioaktiv verseucht waren / aber das war der einzige kompromiss wenigstens nach dem tode noch zur freiheit zu kommen / und wenn auch in der grenzenlosen leere

die parole die am tage ihres todes von der obersten behörde ausgegeben wurde lautete: lies alle verordnungen bis zum ende damit du die wahrheit findest

nun igelte sich das krüppelkind allein ein in seiner zelle im bunkerbau / es hielt nur noch künstliche beleuchtung aus / aber die nannte man längst natürlich /die sonne kam sowieso nicht mehr durch / auch draußen nicht / das krüppelkind hatte das lachen verlernt und das weinen war ihm abhanden gekommen / es befriedigte sich selbst indem es mit formeln spielte / und wackelte rhythmisch im takt der logarithmen / es lutschte gern jeden zwang bis zur neige aus / alle träume waren ihm verboten aber es vermisste keinen

pflanzen und tiere kannte das krüppelkind nur aus vorzeitmythen / darum ekelte es sich so als am tag zero zero dreizweiacht aus einer mauerfuge im zement der betonwand seiner zelle plötzlich ein blutklumpen hervorquoll der sich zu einer roten rosette formte die aussah wie eine rosenblüte

die gedankenübermittlungszentrale gab ihm durch frau atomaria -kurzform maria – halt und trost auch in dieser lage: kein grund zur panik / denn mit dieser rosette ist keine rosenblüte wiedererstanden durch evolution und mutation lebender substanz / wir haben das leben fest im griff / sprach frau maria zu dem krüppelkind / kapriolen sind dem leben nicht mehr möglich / deshalb wirst du auch nie laufen können / doch freue dich denn siehe / dies ist keine blüte sondern eine zementtransformierung / du darfst / wenn du lieb und gehorsam bist / die wahrscheinlichkeitsrate ihrer entstehung berechnen /  also mutter maria

da wurde das krüppelkind sehr zufrieden und wackelte sich in seiner betonzelle im takt der logarithmen in seine aufgabe

die parole der obersten behörde für den tag zero zero dreizweiacht aber lautete: lies alle verordnungen bis zum ende denn die wahrheit übertrifft alle vorstellungen

*

Dieser Kurzprosatext erschien erstmals 1978 in der von der Literarischen Union e.V. herausgegebenen Kurzprosa-Anthologie MAUERN und
und erregte damals heftige Diskussionen. 

Und heute?

 

 

 

Samstag, 4. September 2021

Die Lust zu schreiben


Aus der medizinhistorischen Sammlung von Jürgen Schwalm

Rechts oben: Votivbild des Archinos an Amphiaraos (Inschrift). Links behandelt der Heilgott Amphiaraos den Patienten Archinos, rechts liegt der kranke Archinos auf einer Kline, seine verletzte Schulter wird von einer Schlange zu Heilzwecken geleckt, rechts steht der gesundete Archinos betend vor einer Weihetafel. Attisch, 1. Hälfte des 4. Jh. V. Chr., Marmor, Höhe 49 cm, Breite 54,5 cm, Fundort: Amphiaraion in Oropos, Athen, Nationalmuseum, In. 3369. Links oben: Nachbildungen von Arztinstrumenten aus Pompeji und Herculaneum. Originale im National-Museum Neapel. Von links nach rechts: 1. Sonde, 2. Schere, 3. Haken, 4. Spatel zum Auftragen von Salbe, 5. Sonde, 6. Skalpell, 7. Fremdkörperzange, 8. Messer. Links unten: Bronzeleber von Piacenza, 1877 bei Piacenza gefunden, seither im dortigen Museo Civico. Stilisiertes Modell einer Schafsleber aus dem 3. Jh. V. Chr. Der Rand des Modells ist wie das Himmelsgewölbe in 16 Regionen mit den Namen der etruskischen Götter aufgeteilt, die den griechisch-römischen Göttern entsprachen. Die Leber diente als „Anschauungsmaterial“ bei der Leber- und Eingeweideschau der Etrusker; die Lehre stand in den Libri haruspicini (nach Cicero ein Teil des Regelwerks der Etrusker). Rechts unten: Replik eines römischen Salbgefäßes.

 

Jürgen Schwalm

die lust zu schreiben
der zwang zu schreiben
der versuch mich selbst zu heilen
könnte immerhin erkenntnisse bringen
die dazu beitragen
auch für dich eine therapie zu finden

oft erlauben übersichtliche verhältnisse
einfache chirurgische maßnahmen
den kreuzschnitt um den karbunkel zu entleeren
oder die gewebedurchtrennung mit skalpell und schere
um einen tumor freizulegen und auszuschälen
oder die elektokoagulation eines herdes

aber zwischen dir und mir wären nervennähte nötig
denn die verbindungen zwischen uns
werden immer wieder unterbrochen
ermittelte daten bleiben chiffren ohne code

doch ich gebe die hoffnung nicht auf
dir zu helfen indem ich mir helfe
und wenn auch nur durch anreiz zum befreienden gelächter

in der lust zu schreiben
und im zwang zu schreiben
schlag ich immer wieder salto hoch am trapez
verlass mich darauf dass das netz der worte hält
falls ich abstürzen sollte
dass die worte ihr wort halten
wenn sie ausgestoßen werden
mit der letzten presswehe zum ersten schrei in die welt

nun haben sie ihre schicksale
und vielleicht auch nur ein kurzes leben
doch selbst ein einzges wort kann die entscheidung sein


(Vorwort zu: Schein und Wirklichkeit, Kurzgeschichten deutscher Ärzte
gesammelt von Armin Jüngling, Verlag Th. Breit, Marquartstein, 1
977)

 

 

 

 





Samstag, 28. August 2021

Jürgen Schwalm: „Der Albtraum“, Tusche auf strukturiertem Papier, 1998



Dr. Krishna Srinivas (1913-2007)
WORLD POETRY
2. Band POETRY EUROPE
Madras India 1982

Jürgen Schwalm
 
Aber nun lebe ich nicht 

BUT NOW I DO NOT LIVE 

You took the bandage from my eyes
that I may see
and I became blind

You let in daylight
to blacken the film
of my illusions
and I became prone to deception

You played the tape
of the never changing
litany of your words –
to help- as you said
and I was crushed
by the effort of your conversions

You left me
only brief pauses
during which
I could not find myself any more –
You always wakened me
too soon and said:

The secret is adaptation –
I adapted myself
and now am no longer alive
 
Translated by Eric Vio
Die deutsche Fassung des Gedichtes steht in dem Sammelband:
Jürgen Schwalm: Arm in Arm und Wort für Wort – Gedichte aus sechs Jahrzehnten
Seemann Publishing 2020
ISBN: 9798598725467

 

 

 

 

Freitag, 20. August 2021

Notizen zur Kulturgeschichte Lübecks (Fortsetzung...)




 

Jürgen Schwalm

Notizen zur Kulturgeschichte Lübecks

(Fortsetzung des Artikels der letzten Woche)

Die von Joseph Pero begonnene Sammlung kunsttopographischer Aufnahmen von Lübeck griff der Architektur- und Kunstphotograph Johannes Nöhring (geb. 1834 in Wesloe, gest. 1913 in Lübeck) auf, der sich 1861 in Lübeck als selbstständiger Photograph niedergelassen hatte. Er verfertigte nicht nur Aufnahmen Lübecks, sondern auch anderer Städte Norddeutschlands und wurde bereits 1873 auf der Wiener Weltausstellung für seine Aufnahmen aus Architektur und Bildender Kunst mit einer Verdienst-Medaille geehrt. Er gründete in Lübeck 1874 und 1879 Lichtdruckanstalten. Der erste der von der Lübecker Baubehörde herausgegebenen Bände „Bau- und Kunstdenkmäler der Hansestadt Lübeck“ erschien 1906 in Nöhrings Verlag in Lübeck. 1904 trat Nöhring als Photograph in den Ruhestand; der Verlag wurde von seinem Sohn Bernhard Nöhring (1866-1938) fortgeführt.

Vor Jahrzehnten erwarb ich den Band: „Album von Lübeck. – Verlag L. Peters Lübeck“ o.J. Auf dem Einband steht die Widmung: „Zur freundlichen Erinnerung an die Familie Steffen in Lübeck 1883“; das Buch wurde (eingeklebtes Etikett) von der Buchhandlung Edmund Schmersahl in Lübeck verkauft. Das in Leporello-Manier gebundene Exemplar enthält 12 Lichtdrucke von Johannes Nöhring mit jeweils folgenden Bildlegenden: 1. Lübeck vom Chimborasso gesehen, 2. Lübeck vom Dom gesehen, 3. Hafen zu Lübeck, 4. Marktplatz zu Lübeck, 5 .Lübeck, Holstenthor, Marien- u. Petrikirche, 6. Heil. Geist-Hospital zu Lübeck, 7. Dom zu Lübeck, 8. Lübeck, Breitestrasse mit Rathhaus, 9. Burgthor zu Lübeck, 10. Holstenthor zu Lübeck, 11. Jacobikirche zu Lübeck, 12. Inneres der Marienkirche zu Lübeck.

Meinem Artikel sind die Bilder 1 und 3 beigefügt.

 

 

 

 

Samstag, 14. August 2021

Notizen zur Kulturgeschichte Lübecks


 

Jürgen Schwalm

Notizen zur Kulturgeschichte Lübecks

Joseph Wilhelm Pero

Eine der bahnbrechenden und zugleich eine der erfolgreichsten und folgenreichsten Erfindungen in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Photographie. Zu Beginn der „Lichtschrift“ war es die Daguerreotypie (Publikationen des Verfahrens seit 1839), die aber nur seitenverkehrte, nicht reproduzierbare Aufnahmen ermöglichte. Bald kam deswegen das Negativverfahren auf (Talbot), mit dem beliebig viele Bildabzüge eines Motivs angefertigt werden konnten. Durch das neue Verfahren wurde erstmals in größerem Umfang eine Bestandserfassung der „belebten und der unbelebten Natur“ ermöglicht. Es wurde „chic“, sich fotografieren zu lassen; das bis dahin als repräsentativ eingeschätzte Ölbild verlor als Vorzeige- und Prestigeobjekt an Bedeutung. Der „Boom“, den die neue Erfindung auslöste, veranlasste viele Maler der damaligen Zeit, photographische Ateliers zu eröffnen. So verwandelte einer meiner Vorfahren, der „Kunst-Maler“ Heinrich Dragendorff (1809-1868; er lithographierte 1840 die „Attitüden der Lady Hamilton“), sein Münchner Maleratelier in ein „photographisches Kabinett“.

In Lübeck war Joseph Wilhelm Pero (geb. 1808 in Hamburg, gest. 1862 in Lübeck) der erste, der eine photographische Dokumentation der Architektur Lübecks plante und erstellte. Pero hatte bis 1830 eine Ausbildung als Maler an der Königlich Preußischen Kunstakademie in Düsseldorf bei Friedrich Wilhelm von Schadow absolviert, kam 1836 nach Lübeck und ließ sich dort als Maler nieder. 1844 wohnte er -laut Eintragung im Lübecker Adressbuch von 1844 - in der Mühlenstraße (nach der damaligen fortlaufenden Nummerierung im Haus 874; die heute übliche Zählung nach Straßen wurde erst 1884 eingeführt). Seit spätestens 1843 war Pero auch als berufsmäßiger Daguerreotypist tätig und damit der erste niedergelassene Photograph Lübecks. In meiner Sammlung von Lubecensien befindet sich die oben abgebildete Wiedergabe einer Daguerreotypie der Lübecker Marienkirche von Osten. Sie entstand um 1846 (die an sich spiegelverkehrte Aufnahme ist hier seitenrichtig abgebildet). Besonders die Stadtansichten begründeten die große Wertschätzung Peros als Photograph. Schon 1847 war er beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV in Potsdam zu Gast, der von den Lübeck-Bildern Peros so beeindruckt war, dass er Pero die Aufgabe übertrug, die mittelalterlichen Backsteinbauten in der Mark Brandenburg abzulichten.

(Der Artikel wird in der nächsten Woche fortgesetzt)

 

 

 

 

 

Freitag, 6. August 2021

Inszenierung für Aristophanes

Martin-von-Wagner-Museum der Universität Würzburg. Sogenannte „Schauspieler-Scherbe“, Bruchstück eines Kraters, 350-340 v. Chr., angeblich aus Tarent. Darstellung eines Schauspielers, der nach einer Aufführung die Maske zum Applaus abnimmt.- Bildersammlung: Jürgen Schwalm



Jürgen Schwalm

Inszenierung für Aristophanes
Eifersucht, die mit Eifer sucht


Hera,
die Frau des Göttervaters Zeus,
hat ihren Hund
in einen Besucherstuhl verzaubert,
der nachmittags alle Viere von sich streckt
und doch wachsam bleibt.

Wenn Alkmene,
die Geliebte des Zeus
und die Verhasste der Hera,
zur Teestunde erscheinen muss
und nicht bereit ist,
vom letzten Schäferstündchen mit Zeus
aus dem Nähkästchen zu plaudern,
fordert Hera sie mit sanfter Stimme auf,
sich auf den Besucherstuhl zu setzen,
setzt die Brille auf die Nase,
nimmt den Strickstrumpf zur Hand,
fragt und horcht
und freut sich an Alkmenes Angst,
denn das Zauber-Möbel fletscht schon die Zähne
und wird gleich zum Wadenbeißer


(aus: Griechische Zeilen)

 

Sonntag, 1. August 2021

Chanson in memoriam Friedrich Hollaender

Cast des 1940 gedrehten US-amerikanischen Filmes „Seven Sinners“ (Das Haus der sieben Sünden), in dem Marlene Dietrich die Songs „I’ve Been in Love Before“ und „The Man’s in the Navy“ von Friedrich Hollaender vorträgt. Illustrierte Filmbühne Nr. 365, Seite 2

 

Jürgen Schwalm

Chanson in memoriam Friedrich Hollaender

 

Ich schreibe das, was unterhaltsam heiter klingt

und insgeheim nicht selten um die Fassung ringt,

das munter hüpft und wachsam bellt,

 wenn es der uneinsichtig blinden Welt

kritisch den Spiegel vor die Schnauze hält.

 Die hielt ich selber nie. Man hat mich fortgetrieben,

doch bin ich auch danach in Schwung geblieben.

Mir tritt das Schicksal immer wieder uffs Pedal,

ich spiel doch weiter so, als wäre mir’s egal,

schreib nach wie vor vom Wechselglück der Liebe,

 die immer wieder aus der Asche steigt,

die dauerhafter bei den Menschen bliebe,

hätt man sie nicht so oft vergeigt.

Ich lache laut und möchte oftmals einsam sein

 in meinem Heimweh nach dem Traurigsein.