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| Jürgen Schwalm: „O du Falada, da du hangest“, Collage, 2014 |
Kriege werden nie durch den Sieg einer Nation
beendet; auch die Gewinner sind schließlich die Verlierer. Jeder abgelaufene
Krieg führt wegen der anschließenden Verhandlungen, die als Kompromisse zwischen den Kontrahenten zwangsläufig
scheitern müssen, unmittelbar zum nächsten Krieg.
J.S.
Jürgen Schwalm
Das sterbende Pferd
Am letzten Tag der Kampfhandlungen 1945 stolperte das
Pferd aus einer sinnlosen Schlacht. Es hatte seinen Reiter verloren und wusste
nicht, wo es bleiben sollte. Ich war damals dreizehn Jahre alt und selbst auf
der Flucht und sah, wie das Pferd aus dem kalten Morgennebel wie eine
Geistererscheinung ganz langsam auf mich zukam, und ich stand und starrte es an
und beobachtete, wie es starb -
der Motor seines Herzens war aus dem Takt geraten und
die Schaukellast des Beckens aus dem Gleichgewicht, die Pleuelstangen der Beine
stießen an die Steine und der schwere Leib fiel wie von einer Axt gefällt in
den Schlamm der von Panzerketten durchpflügten Straße. Sein wohl schon über
Wochen vernachlässigtes Fell war verfilzt von einer Borke aus Kot und Urin -
kein Wassertropfen am Ende, kein Grasbüschel irgendwo
in Sicherheit an einem Weidezaun. Am Ende schrie das Pferd wie ein Mensch. Die Zunge fiel ihm aus dem Maul durch die
gebleckten Zähne -
wenn da bloß nicht noch das Letzte gewesen wäre,
dieser Augenblick, von dem ich wusste, dass er mich mein ganzes Leben lang
verfolgen würde –
als ich – selbst hilflos und ausgestoßen - dem Tier
ganz nahe kam, musste ich in seine großen, dunklen, abgrundtiefen und
herzzerreißenden Augen sehen, in denen sich noch einmal der Himmel spiegelte,
bevor er sich gnadenlos verschloss.